Die Digitalisierung kann Treiber oder Hemmschuh der Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern sein.

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt und stellt neue Anforderungen an die Beschäftigten. Der digitale Wandel geht dabei weit über die Einführung neuer digitaler Technologien hinaus. Er umfasst auch die Arbeitsorganisation und die Führungskultur in Unternehmen. Dabei sind jedoch nicht alle Branchen und Berufe beziehungsweise Unternehmen und Beschäftigte in gleicher Weise betroffen. Zentrale Voraussetzungen für Chancengleichheit im digitalen Wandel sind, dass Frauen und Männer gleichberechtigt in neue digitale Entwicklungen einbezogen werden und dass sie ihre digitalen Kompetenzen kontinuierlich weiterentwickeln.

In digitalen Branchen arbeiten genauso viele Frauen wie Männer.

Zwischen dem Digitalisierungsgrad einer Branche und dem Anteil der dort beschäftigten Frauen zeigt sich kein signifikanter Zusammenhang. Zwar arbeiten in der Branche mit dem höchsten Digitalisierungsindex, der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), überwiegend Männer, und im Gesundheitswesen, einer Branche mit einem vergleichsweise niedrigen Digitalisierungsindex, überwiegend Frauen, aber in den übrigen Branchen zeigt sich ein sehr gemischtes Bild. So sind im Bereich der wissensintensiven Dienstleister und der Finanz- und Versicherungsdienstleister über 50 Prozent der Beschäftigten weiblich. Grundsätzlich sind Frauen in digitalen Branchen daher stark vertreten.

Innerhalb der Top-5-Digitalbranchen arbeiten Frauen und Männer in verschiedenen Berufen.

In den Top-5-Digitalbranchen sind Frauen und Männer allerdings in unterschiedlichen Berufen tätig. Im IKT-Bereich sind unter den fünf häufigsten Berufen der Männer vier IT-Berufe. Bei den Frauen ist es nur ein IT-Beruf, dafür sind sie häufiger in Büro- und Sekretariatsberufen sowie in kaufmännischen Fortbildungsberufen tätig. Die meisten Überschneidungen zwischen Frauen und Männern gibt es in der Chemie- und Pharmabranche sowie in den Finanz- und Versicherungsdienstleistungen.

In IT-Berufen zeigen sich deutliche Geschlechterunterschiede.

Gerade einmal 16,5 Prozent aller IT-Fachkräfte sind Frauen. Die meisten Frauen unter den IT-Fachkräften finden sich bei den Finanz- und Versicherungsdienstleistern, wo jede fünfte IT-Fachkraft weiblich ist. Die Zahl der IT-Beschäftigten bestimmt jedoch nicht den Digitalisierungsgrad einer Branche. Dass die Digitalisierung nicht allein von IT-Fachkräften getragen wird, zeigt sich daran, dass gerade einmal 2,4 Prozent aller Beschäftigen in IT-Berufen tätig sind. Die übrigen Beschäftigten sind in anderen Berufen tätig, die aber zum Teil ebenfalls stark durch ITInhalte bzw. digitale Anwendungen geprägt sein können. Überdurchschnittlich viele IT-Fachleute findet man nur im IKT-Sektor, in dem gut jeder dritte Beschäftigte in einem IT-Beruf arbeitet.

Auf der Arbeitsebene ist die Digitalisierung fast überall angekommen.

Ein sehr hoher Frauenanteil unter den Beschäftigten findet sich in Bereichen der personenbezogenen Dienstleistungen, beispielsweise im Gesundheitswesen. Auch wenn der Digitalisierungsindex der Gesundheitsbranche relativ gering ist, werden auch hier digitale Technologien von den Mitarbeitenden intensiv genutzt. So nutzen beispielsweise in 70 Prozent der Gesundheitsunternehmen alle Mitarbeitenden stationäre digitale Geräte und zwei Drittel nutzen digitale Infrastruktur. In diesen Bereichen liegt das Gesundheitswesen auf Platz 4 von 11.

Das Klischee, dass Frauen im Arbeitsalltag weniger mit IKT zu tun haben, stimmt nicht.

Im Arbeitsalltag nutzen Frauen etwa genauso häufig wie Männer Computer, Laptops, Tablets etc., um zum Beispiel E-Mails zu schreiben, Datenbanken und elektronische Dokumente zu bearbeiten oder auch soziale Medien zu nutzen. Beide Geschlechter kommen gleichermaßen mit digitalen Arbeitsgeräten in Berührung. Dies ist eine zentrale Voraussetzung für die Chancengleichheit im digitalen Wandel, da gerade digitale Kompetenzen zum Umgang mit Hard- und Software häufig im Arbeitsalltag informell und non-formal erworben werden.

Frauen bedienen jedoch seltener computergesteuerte Geräte und entwickeln seltener Software.

Frauen nutzen etwas seltener als Männer computergesteuerte Geräte und Maschinen, wie sie beispielsweise im Bereich der Industrie 4.0 häufig eingesetzt werden. Ein Grund hierfür ist der geringere Frauenanteil im Verarbeitenden Gewerbe, in dem vernetzte Geräte verstärkt eingesetzt werden. Geschlechterunterschiede finden sich auch bei der Nutzung berufsspezifischer Software sowie der Entwicklung und Wartung von Software und IT-Systemen, was Frauen deutlich seltener tun. Junge Frauen sollten bei der Berufsorientierung noch gezielter über MINTBerufe informiert werden, die ihnen Zugang zu diesen Tätigkeiten öffnen und gleichzeitig gute Beschäftigungsund Einkommensperspektiven versprechen.

Selbsteinschätzung der digitalen Kompetenzen fällt bei Männern höher aus als bei Frauen.

In der Selbsteinschätzung, ob die eigenen Kompetenzen für die Anwendung neuer Software ausreichen, geben Männer häufiger als Frauen an, dass sie anspruchsvollere Aufgaben erledigen könnten. Das kann zum einen ein Hinweis auf geringere digitale Kompetenzen von Frauen sein, zum anderen aber auch darauf zurückzuführen sein, dass Frauen ihre Fähigkeiten im Vergleich zu Männern häufiger unterschätzen. Mit Blick auf den wahrgenommenen Schulungsbedarf zeigen sich keine Unterschiede bei den Geschlechtern: Jeder zehnte Mann und jede zehnte Frau sehen einen Bedarf an Weiterbildung.

Frauen werden seltener in die Auswahl neuer digitaler Technologien einbezogen und sollten stärker zu Gestalterinnen der Digitalisierung gemacht werden.

Unternehmen beteiligen Frauen seltener bei der Auswahl neuer Technologien als Männer. So geben nur 22 Prozent der Frauen, die digitale Geräte für die Arbeit nutzen, an, dass sie bei Neuerungen einbezogen werden. Bei den Männern sind es 30 Prozent. Unternehmen sollten darauf achten, dass sie Frauen genauso viel Digitalisierung zutrauen wie ihren männlichen Kollegen. Dies stärkt das Zutrauen der Frauen in ihre eigenen digitalen Fähigkeiten und erhöht ihre Motivation, sich noch aktiver mit Digitalthemen auseinanderzusetzen und so ihre Digitalkompetenzen weiter auszubauen. Die zentralen Voraussetzungen, um noch mehr zu Gestalterinnen der Digitalisierung zu werden, erfüllen Frauen: Sie sind genauso wie Männer in digitalen Branchen beschäftigt, somit in Kontakt mit (neuen) digitalen Technologien und nutzen ebenso häufig digitale Arbeitsgeräte. Und nicht nur die Frauen profitieren von einer gezielten Förderung: Auch die Unternehmen gewinnen Digitalkompetenzen und erhalten so neue Impulse für ihren Geschäftsalltag.

Auch Soft Skills sind digitale Kompetenzen und Grundlage für digitale Change-Prozesse in Unternehmen.

Aus Sicht von Unternehmen werden im Zuge der Digitalisierung insbesondere die Soft Skills wie Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit sowie Selbstständigkeit und Organisationsfähigkeit an Bedeutung gewinnen und zählen somit auch zu den digitalen Kompetenzen. Die steigende Bedeutung dieser Kompetenzen hängt unter anderem mit einer zunehmend agilen Unternehmensorganisation zusammen, die selbstständig und vernetzt agierende Mitarbeiter zum Leitbild hat.

Digitale Technologien können die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern, führen aber nicht automatisch zu mehr Chancengleichheit.

Eine verbesserte digitale Infrastruktur der Unternehmen ermöglicht den Mitarbeitenden mehr Flexibilität mit Blick auf Arbeitsort und Arbeitszeit. Die Möglichkeit, von Zuhause zu arbeiten, hat in der Vergangenheit gerade bei Müttern zu einem Anstieg der vertraglichen Arbeitszeit sowie Gehaltszuwächsen geführt. Gleichzeitig bergen die neuen flexiblen Arbeitsformen jedoch auch Risiken – auch mit Blick auf die Chancengleichheit, beispielsweise wenn Frauen ihre Zeitersparnis aus wegfallenden Wegezeiten in die Kinderbetreuung stecken, während Männer die gewonnene Zeit in Mehrarbeit und die Entwicklung ihrer Karriere investieren. Auch mögliche negative Effekte einer Entgrenzung von Arbeitszeit und -ort sind zu hinterfragen. Der Einsatz von IKT für neue, flexible Arbeitsformen ist also eine Gestaltungsaufgabe für Unternehmen.