In der Chemiebranche sind neben den naturwissenschaftlichen Kernberufen zahlreiche weitere Qualifikationen relevant.

Naturwissenschaftlich qualifizierte Fachkräfte machen den produktiven und innovativen Kern der Branche aus. Viele dieser Fachkräfte sind in der Chemieindustrie tätig und bilden dort den Kern der Belegschaften. Es werden aber auch andere Qualifikationen benötigt, etwa in technischen und kaufmännischen Berufen, die ebenfalls von besonderer Relevanz für die Chemie sind. Hier steht die Chemie mit anderen Branchen in stärkerer Konkurrenz um die besten Talente. In der vorliegenden Studie wird die Arbeitsmarktsituation sowohl für beruflich Qualifizierte mit Ausbildungsabschluss (Fachkräfte) oder Fortbildungsabschluss (Spezialisten) als auch für akademisch Qualifizierte (Experten) untersucht.

Fachkräfteengpässe gibt es inzwischen in jedem zweiten für die Chemiebranche besonders relevanten Beruf.

Bei 18 von 35 untersuchten Berufen mit besonderer Relevanz für die Chemiebranche waren im Jahresdurchschnitt im Zeitraum von Juli 2016 bis Juni 2017 Engpässe festzustellen. Während nur zwei kaufmännische und drei naturwissenschaftliche Berufe betroffen waren, liegt der größte Teil der aktuellen Engpassberufe mit 13 von 16 betrachteten Gattungen im Fachbereich der technischen Berufe. Fachkräfteengpässe bestehen, wenn zu wenige Arbeitslose vorhanden sind, um die angebotenen offenen Stellen zu besetzen. Da nur etwa jede zweite offene Stelle bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) gemeldet wird, liegt ein Engpass dann vor, wenn weniger als 200 Arbeitslose auf 100 gemeldete offene Stellen kommen. Nach dieser Definition sind Fachkräfteengpässe insbesondere in den MINT-Berufen zu verzeichnen.

Insgesamt zehn für die Chemiebranche besonders relevante Berufe sind von starken Engpässen betroffen.

Selbst unter der Annahme, dass alle offenen Stellen tatsächlich bei der BA gemeldet würden, reichte die Zahl der Arbeitslosen in zehn relevanten Berufsfeldern rechnerisch nicht aus, um alle Stellen zu besetzen. Von diesen starken Engpässen fällt lediglich die Berufsgattung, die Chemikanten und Pharmakanten umfasst, unter die naturwissenschaftlichen Berufe. Die anderen und damit fast alle betroffenen Berufsgattungen liegen im technischen Fachbereich. Insbesondere in diesen beiden Berufsbildern besteht daher aus Unternehmenssicht Handlungsbedarf bei der Nachwuchsgewinnung und der Qualifizierung.

Im naturwissenschaftlichen Bereich zeigen sich Engpässe besonders bei den Produktionsberufen.

Während gerade technische Berufe, bei denen die Chemiebranche im starken Wettbewerb mit anderen Branchen – beispielsweise der Metall- und Elektroindustrie – steht, bereits seit mehreren Jahren von Fachkräfteengpässen betroffen sind, zeigt sich für die naturwissenschaftlichen Kernberufe der Chemiebranche ein etwas weniger angespanntes Bild. Derzeit sind bei Chemikanten und Pharmakanten, bei Fachkräften im Lacklaboratorium und bei Fachkräften im chemisch-technischen Laboratorium Fachkräfteengpässe zu verzeichnen. Davon ist lediglich in der Chemie- und Pharmatechnik ein anhaltender Engpass über die letzten fünf Jahre zu verzeichnen. Diesem Bereich sollte daher das besondere Augenmerk der Chemieindustrie gelten.

Die Ausbildungssituation ist in IT- und Laborberufen stabil, in technischen Berufen treten mehr Schwierigkeiten bei der Nachwuchssuche auf.

Seit 2010 hat sich der Anteil unbesetzter Ausbildungsplätze kontinuierlich von durchschnittlich 1,4 Prozent auf nunmehr 3,5 Prozent erhöht. Diese Quote bezieht sich auf das bei den Arbeitsagenturen gemeldete Ausbildungsangebot. In absoluten Zahlen ausgedrückt gab es allein in den technischen Berufen 2016 fast doppelt so viele unbesetzte Ausbildungsplätze wie in 2010 – und das, obwohl nur ein vergleichsweise geringer Teil der Bewerber unversorgt bleibt. Unternehmen und allgemeinbildende Schulen sind gefordert, hier anzusetzen, um das Interesse an Ausbildungsberufen zu erhöhen und Fachkräfteengpässen so entgegenzuwirken. Dies gilt insbesondere für die Berufsorientierung an Gymnasien, die nach wie vor zu einseitig Richtung Studium ausgerichtet ist. Unternehmen setzen heute schon verstärkt auf Schulkooperationen, um Jugendliche bereits früh für den Betrieb zu begeistern und über duale Ausbildungsberufe zu informieren.

Unternehmen können eine Reihe von Maßnahmen umsetzen, um sich im Wettbewerb um Nachwuchskräfte erfolgreich zu positionieren.

Die sich verschärfende Engpassproblematik, aber auch die steigende Anzahl unbesetzter Ausbildungsplätze setzen viele Unternehmen unter Zugzwang, bestimmte Bewerber- und Arbeitnehmergruppen noch stärker in den Blick zu nehmen. Insbesondere in den technischen Berufen können die Bemühungen intensiviert werden, Frauen zu gewinnen und Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben. Viele Unternehmen beschreiten zudem innovative und überregionale Rekrutierungswege, um ihren Fachkräftebedarf zu decken. Neben der Rekrutierung spielt aber auch die Bindung von Fachkräften eine immer gewichtigere Rolle. Hierfür ist die Positionierung als attraktiver Arbeitgeber zentral.