Aktuell wird vor allem die stark exportorientierte Industrie von einem Attentismus der Wirtschaftsakteure, der handelsbezogenen Unsicherheit und der Abschwächung des Welthandels hart getroffen.

Vor diesem Hintergrund hat das IW eine Umfrage unter bayerischen und deutschen Unternehmen durchgeführt, um zu ermitteln, wie gravierend die Firmen verschiedene Unsicherheitsfaktoren einschätzen und ob sie darauf bereits mit Gegenmaßnahmen reagiert haben. Der kombinierte Blick auf beide Aspekte erlaubt Rückschlüsse auf die potenzielle Anfälligkeit bayerischer Unternehmen für bestimmte Unsicherheitsfaktoren. Es zeigt sich, dass der Anteil der Firmen, die trotz hoher bis moderater Risikoeinschätzung keine Gegenmaßnahmen ergriffen haben, bei den folgenden Unsicherheitsfaktoren relativ groß ist: Klimapolitik, Rohstoffversorgung, Digitalisierung/Cyberkriminalität, Finanzmarktrisiken, Protektionismus und Konkurrenzdruck aus China. Mögliche Gründe für den Mangel an strategischen Gegenmaßnahmen können darin liegen, dass Risiken unterschätzt werden oder dass es aus Sicht der Firmen an Reaktionsmöglichkeiten mangelt.

Die Studie untersucht für die sechs oben genannten Risikofelder systematisch, wie Unternehmen und Wirtschaftspolitik im Umfeld erhöhter Unsicherheit proaktiv agieren können. Das geschieht auf Basis eines Analyserasters, das die Darstellung von Szenarien, die Charakterisierung von Eigenschaften und Auswirkungen des jeweiligen Unsicherheitsfaktors sowie die Ableitung konkreter Reaktionsmöglichkeiten umfasst. Daraus werden allgemeine Ansatzpunkte und Empfehlungen für das unternehmerische Risikomanagement abgeleitet.

  • Mit Blick auf Risikominderung und Schadensvorsorge geht es zunächst darum, eigene Schwachstellen abzustellen. Darüber hinaus lässt sich die Anfälligkeit für zahlreiche Risiken durch Maßnahmen mit begrenztem Aufwand mindern (u. a. Investitionen zurückstellen, Risiken diversifizieren). Aufwendiger sind strategische Maßnahmen zur Risikominderung, vor allem wenn es um Steigerung von Effizienz und Innovationsfähigkeit geht. Vorkehrungen für den Schadensfall bestehen etwa darin, ausreichende Rücklagen für Härtephasen und für strategische Anpassungsmaßnahmen anzulegen. Darüber hinaus müssen Flexibilitätspotenziale geschaffen werden, um im Risikofall schnell reagieren zu können (u. a. Lagermanagement, Kapazitätsanpassungen).
  • Mit Blick auf den Umgang mit einem eingetretenen Schaden ist zu entscheiden, ob nur temporäre oder erste Schritte für eine dauerhafte Anpassung nötig sind. Bei Eintritt des Risikofalls geht es darum, die zuvor angelegten Handlungsmöglichkeiten umzusetzen (u. a. nachhaltiger Lagerabbau, Kapazitätsanpassungen, Rückgriff auf Rücklagen).
  • Ein Anpassen an dauerhaft veränderte Bedingungen erfordert grundlegende gestalterische Maßnahmen. Idealerweise kann dazu auf Pläne und Rücklagen zurückgegriffen werden, die zuvor angelegt wurden. Doch gilt es auch, neue Geschäftspotenziale im veränderten Risikoumfeld aufzutun, etwa indem Wettbewerbsvorteile gegenüber der von den gleichen Unsicherheitsfaktoren betroffenen Konkurrenz gezielt gesucht werden.

Der Staat hat im Umfeld höherer Unsicherheit vor allem die Aufgabe, unternehmerische Risikomanagementstrategien tatkräftig zu flankieren. Daraus ergibt sich eine neue Richtschnur zur Beurteilung der Wirtschaftspolitik. Zudem kommt traditionellen ordnungsökonomischen Empfehlungen eine nochmals gesteigerte Relevanz zu. So werden Konstanz und Verlässlichkeit der Wirtschaftspolitik bei höherer Unsicherheit ungleich wichtiger. Weiter muss der Staat im Umfeld höherer Unsicherheit und daraus resultierender Anpassungslasten folgende Maßgaben beachten:

  • Die Politik darf den ohnehin schon immensen aktuellen Anpassungsdruck nicht durch eigene Maßnahmen weiter erhöhen, etwa durch eine zu ambitionierte Klima- und Energiepolitik im nationalen Alleingang. Das Klimaschutzprogramm 2030 der Bundesregierung strebt hier einen vertretbaren Mittelweg an.
  • Um wirtschaftlichen Erfolg weiter zu ermöglichen und Folgen höherer Unsicherheit und von Krisen abfedern zu können, ist zu verhindern, dass Soziallasten immer weiter ausgebaut werden, was angesichts der demografischen Entwicklung zukünftige staatliche und unternehmerische Handlungsspielräume zunehmend stark einschränken würde.
  • Der Staat darf makroökonomische oder finanzmarktbezogene Risiken nicht durch eigenes Tun begünstigen, etwa durch eine expansive Konjunkturpolitik oder ein mangelndes Einbremsen aus dem Ruder laufender Finanzmarktzyklen, die durch die extrem lockere Geldpolitik angeheizt werden können.

Schließlich sind folgende konkrete Maßnahmen erforderlich:

  • Umfassende Investitions- und Innovationsoffensive umsetzen: Die spezifischen staatlichen Rahmenbedingungen werden zum Beispiel entscheidend dafür sein, wie die Unternehmen die Herausforderungen der digitalen Transformation meistern können. Daneben steht der Staat in der Pflicht, die Infrastruktur für die Digitalisierung und die Elektromobilität aufzubauen, muss aber auch mehr in den Erhalt der allgemeinen Infrastruktur in den Bereichen Verkehr und Bildung investieren. Zudem muss der Staat den Unternehmen bei Innovationen und Fachkräftesicherung zur Seite stehen.
  • Flexibilitätspotenziale sichern: In unsicheren Zeiten ist Flexibilität für Unternehmen umso wichtiger. Der Staat muss die hierfür nötigen Spielräume sichern und ausbauen, statt sie zu beschränken. Das betrifft vor allem die Arbeitsmarktpolitik, etwa in den Bereichen Befristungsrecht, Zeitarbeit und Kündigungsschutz.
  • Rücklagenbildung erleichtern: Gerade im Steuerrecht bestehen oder drohen steuerliche Regelungen, die an der finanziellen Substanz der Unternehmen zehren, statt deren Ausbau zu begünstigen. Problematisch sind etwa die existierende steuerliche Behandlung betrieblicher Pensionsrückstellungen und Forderungen nach einer Erhöhung der Erbschaftsteuer oder der Wiedereinführung der Vermögensteuer.