Fragen rund um das Thema Gerechtigkeit sind so alt wie die Menschheit selbst. Philosophen wie Platon oder Aristoteles, wie Kant oder Rawls beschäftigen sich seit jeher mit verschiedenen Gerechtigkeitstheorien. In der Moralphilosophie, Nationalökonomie und Staatstheorie wurde und wird heftig diskutiert, welche Gesellschaftsform die gerechteste ist. Beispielsweise in der Debatte um den Mindestlohn zeigen sich unüberbrückbare Differenzen zwischen den Anhängern und den Gegnern der Maßnahme: Die einen finden den Eingriff in den Markt gerecht, da gute Arbeit sich lohnen muss, und die andere Seite empfindet ihn als ungerecht, da er am unteren Lohnniveau einem Arbeitsverbot gleichkommt. Grund für diese Uneinigkeit ist, dass Gerechtigkeit ein normatives Konzept ist und wie immer bei normativen Auseinandersetzungen, kann es keine Einigung geben, wenn das Wertegerüst sich unterscheidet.

Die meisten Menschen würden wohl zustimmen, dass es gerecht ist, wenn jemand, der gut ausgebildet ist, mehr verdient als jemand ohne Ausbildung. Doch schon bei der Frage, wie viel mehr, werden die Meinungen vielfältiger. Was also empfinden die Menschen als gerecht? Bei der Frage, ob sie die derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnisse als gerecht empfinden, zeigt sich, dass eine deutliche Mehrheit der Deutschen genau dieser Meinung nicht ist: Für das Jahr 2013 gaben 65 Prozent der Menschen an, die wirtschaftlichen Verhältnisse als ungerecht zu empfinden und nur 18 Prozent das Gegenteil. Im Jahr 2012 war das Verhältnis mit 69 zu 15 Prozent noch drastischer. Vor fünfzig Jahren dagegen empfand noch eine Mehrheit der Bevölkerung mit 42 zu 38 Prozent die Verhältnisse als gerecht. Mit der ersten Messung in Gesamtdeutschland, also inklusive der Antworten der Bürger der ehemaligen DDR, kippte das Verhältnis zuungunsten der Gerechtigkeit. Möglicherweise wurde die soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftssystem für Gesamtdeutschland von Bürgern aus den neuen Bundesländern als weniger gerecht empfunden als die sozialistische Zentralverwaltungswirtschaft.

Zwischen gefühlter (Un)Gerechtigkeit und tatsächlicher gibt es sehr häufig große Diskrepanzen. Vor diesem Hintergrund ist es interessant festzustellen, dass Deutschland im internationalen Vergleich eher gut abschneidet was die Gerechtigkeit betrifft.

Die vorliegende Studie liefert eine Aktualisierung und Erweiterung des GEMO 2013. Wie hat sich die Gerechtigkeit insgesamt und bezogen auf die Unterindikatoren entwickelt? In welchen Ländern gab es Verbesserungen und wo sind Rückschritte zu beobachten?

Kurzstudie für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

Dominik H. Enste / Marie Möller: Internationaler Gerechtigkeitsmonitor 2015 (GEMO II) – Ein Vergleich von 28 Ländern für die Jahre 2000 bis 2014 über sechs Gerechtigkeitsdimensionen

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