Dies schließt zeitliche und internationale Vergleiche ebenso ein wie die Herausarbeitung von konkreten Problemfeldern und die Identifizierung von Personengruppen, die im besonderen Maße von Armut betroffen sind.

Fast jeder Mensch hat eine ganz eigene Vorstellung davon, was Armut ausmacht. Dementsprechend unterschiedlich äußert sich die Bevölkerung in einer Umfrage der EU aus dem Jahr 2010 zur Definition von Armut. In Deutschland wird am häufigsten (33 Prozent der Befragten) die Abhängigkeit von Wohlfahrtsorganisationen oder staatlichen Transferleistungen genannt. Fast ebenso viele sehen hierzulande eine Person als arm an, wenn ihre finanziellen Mittel so begrenzt sind, dass sie nicht vollständig am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Knapp jeder Fünfte bezeichnet hierzulande eine Person als arm, deren (finanzielle) Mittel zum Leben unter der nationalen Armutsgrenze liegen. Nur 5 Prozent der Deutschen aber jeder sechste Europäer sieht eine Person als arm an, wenn sie grundlegende Dinge des Lebens nicht anschaffen kann.

Damit sind bereits verschiedene Armutsdefinitionen genannt, die aus wissenschaftlicher Sicht Stärken und Schwächen haben. Die Abhängigkeit von staatlichen Leistungen lässt sich konkret an der Anzahl der Personen messen, die Grundsicherungsleistungen (Arbeitslosengeld II (ALG-II), Grundsicherung im Alter, Hilfe für Asylbewerber) erhalten. Diese Leistungen sollen aber gerade Armut vermeiden. Bei einer drastischen Erhöhung der Grundsicherungsleistungen würde beispielsweise die Armut in der Bevölkerung statistisch gesehen nicht sinken, sondern steigen, da der Kreis der Anspruchsberechtigten größer würde. Gesetzesänderungen können dazu führen, dass eine zeitliche Vergleichbarkeit der Ergebnisse nicht gewährleistet ist. Zudem ist die Statistik durch die Nichtinanspruchnahme zustehender Leistungen insbesondere bei Rentnern verzerrt. Vorteilhaft für die Aussagefähigkeit ist dagegen die präzise Erfassung und die Tatsache, dass Grundsicherungsleistungen erst dann gewährt werden, wenn zuvor ein eventuell vorhandenes Vermögen bis auf ein Schonvermögen aufgebraucht wurde. Somit werden mit der Grundsicherungsquote Vermögen und Einkommen kombiniert erfasst.

Die in Europa am häufigsten und in Deutschland am zweithäufigsten genannte Definition von Armut – finanzielle Mittel sind so begrenzt, dass nicht uneingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilgenommen werden kann – kommt dagegen der EU-Definition von Armut nahe. Danach sind „verarmte Personen Einzelpersonen, Familien und Personengruppen, die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum hinnehmbar ist“ (Rat der Europäischen Gemeinschaften, 1985, 24). Die Definition setzt somit sowohl auf der Ressourcenebene (indirekt) als auch auf der Ebene der Lebensumstände (direkt) an. Armut liegt also nur dann vor, wenn ein eingeschränkter Lebensstandard (Deprivation) Folge fehlender (finanzieller) Mittel ist. Nicht-arm sind somit ebenso diejenigen, die aufgrund ihres Einkommens eigentlich in der Lage sein sollten, elementare Grundbedarfe zu befriedigen, wie auch diejenigen, die trotz geringen Einkommens einen Mindestlebensstandard erreichen. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn ihnen ein Vermögen zur Verfügung steht, auf das sie zurückgreifen können, sie besonders gut mit dem Geld auskommen, sie Unterstützung durch Freunde, Familienangehörige oder auch durch einen Partner, mit dem sie nicht zusammenleben, erfahren, oder weil ihr Niedrigeinkommen nur von kurzer Dauer ist.