Zu erwarten sind deutliche Rückgänge bei Beschäftigung und Arbeitszeitvolumen und deutliche Anstiege bei Arbeitslosigkeit und Insolvenzzahlen. Dies wird sich nach und nach auch auf andere gesellschaftlich relevante Größen auswirken. Jenseits der direkten Effekte auf die Erwerbseinkommen und deren Verteilung hat der Arbeitsmarktstatus auch Auswirkungen auf subjektive und objektive Outcomes wie Lebenszufriedenheit, Lebensqualität und Gesundheitszustand. Lebensqualität geht dabei kategorial noch über subjektive und objektive Lebenslagen hinaus.

Die veränderte Arbeitsmarktentwicklungwirdsich auch auf die Einkommensverteilung und die Vermögensverteilungauswirken. Die Lohnquote ist eine wichtige Indikation dafür, in welchem Umfang der Faktor Arbeit an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung partizipieren kann. Auf der personellen Ebene sind die Risiken, einkommensarm zu werden, zu sein und zu bleiben, eng mit der Beschäftigungsentwicklung verknüpft. Die Lebensverlaufsperspektive zeigt zudem einen Zusammenhang zwischen Erwerbsunterbrechungen und Lebenseinkommensverläufen. Dies gilt besonders ausgeprägt im Vergleich der Einkommensprofile von Männern und Frauen. Generell sind die Chancen zur Vermögensbildung durch Erwerbstätigkeit bei gegebener Qualifikation umso höher, je weniger Erwerbsunterbrechungen es gibt. Der Statuswechsel zwischen abhängiger und selbstständiger Beschäftigung sowie Erwerbslosigkeit ist ein weiterer relevanter Faktor für die Vermögensbildung. Schließlich ist für die Verteilungswirkungen der Arbeitsmarktentwicklung auch die Gründungs- und Schließungsbilanz von Unternehmen und Selbstständigenbedeutsam.

Evidenz zu den sozialen und gesundheitlichen Arbeitsmarkteffekten

Die Lebenszufriedenheit in Deutschland hatte vor der Krise einen Höchststand erreicht, die Ungleichheit bei der Lebenszufriedenheit ist deutlich zurückgegangen (Felbermayr et al., 2017). Erwerbstätige Menschen geben eine signifikant höhere allgemeine Lebenszufriedenheit an als Arbeitslose: Der Wechsel einer Personaus bezahlter Beschäftigung in Arbeitslosigkeit vermindert – bezogen auf eine Zehner-Skala – die individuelle Zufriedenheit um 1,19 Punkte, der umgekehrte Wechsel aus Arbeitslosigkeit in eine Beschäftigung erhöht deren Zufriedenheit um 1,12 Punkte. Der Zufriedenheitsverlust ist bei unfreiwilliger Arbeitslosigkeitdeutlich höher als bei freiwilliger (Winkelmann/Winkelmann, 1998). Für die Lebenszufriedenheit ist das Vorhandensein von Arbeit wichtiger als die Art der Arbeit. Arbeitszufriedenheit und Lebenszufriedenheit sind positiv korreliert, Arbeitszufriedenheit kann als die kognitive Komponente des Wohlbefindens betrachten werden (Diener, 1984). Arbeit ist nicht nur Einkommensquelle, sondern korreliert – bei Männern noch stärker als bei Frauen (Helliwell et al., 2017) – auch mit immateriellen Faktoren wie Teilhabe, Anerkennung durch Kollegen und Vorgesetzte und soziale Kontakte (Enste et al., 2019).

Zusammenhänge zwischen dem Arbeitsmarktstatus und der Gesundheit sind ebenfalls belegt. Zwischen der Arbeitszufriedenheit und der Gesundheit von Beschäftigten scheint es nach einer internationalen Metastudie einen positiven Zusammenhang zu geben (Faragher et al., 2005). Für Deutschland wurde der Zusammenhang als robust bestätigt (Fischer/Souza-Poza, 2007). Hingegen kann sich Arbeitslosigkeit ursächlich gesundheitlich negativ auswirken (Robert Koch Institut, 2003). Stärkere psychische Beeinträchtigungen von Erwerbslosen im Vergleich zu Erwerbstätigen werden in Metaanalysen belegt (Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen, 2011). Arbeitslosigkeit als Stressor kann sich auch nachteilig auf die individuelle Resilienz auswirken (Flüter-Hoffmann et al., 2019).

Die materiellen Armutsrisiken hängen ebenfalls starkvon Erwerbstätigkeit ab. Die Armutsgefährdungsquote in Deutschland lag 2018 bei Arbeitslosen bei knapp 70 Prozent, bei Erwerbstätigen unter 10 Prozent, bei Nichterwerbstätigen bei rund 25 Prozent und bei Ruheständlern unter 20 Prozent. Das Risiko monetärer Armut ist bei Niedrigqualifizierten fast drei Mal so hoch wie bei Hochqualifizierten (Destatis, 2020). Die Zahl der Vollzeitbeschäftigten, die ihre Verdienste durch Grundsicherungsleistungen aufstocken müssen, ist seit 2012 um 80.000 auf 122.000 im Juni 2019 zurückgegangen (BA, 2020). Der Beschäftigungszuwachs hat für sich genommen ungleichheitsvermindernd gewirkt (Biewen/Sturm, 2019). Trotz eines relativ breiten Niedriglohnsektors in Deutschland sorgt der Haushaltszusammenhang mit der Einbeziehung von Partnereinkünften für eine positive arbeitsmarktbedingte Entwicklung bei den Armutsrisiken.

Was bedeutet das für Deutschland in der gegenwärtigen Pandemie? Womit müssen wir rechnen?

Angesichts der sich abzeichnenden Arbeitsmarktentwicklungen stehen zahlreiche Fortschritte des vergangenen Jahrzehnts zur Disposition. Der bisherige Anstieg der Realeinkommen und die sinkende Quote der Niedrigeinkommen in den meisten Altersgruppen (Grabka/Goebel, 2020) dürften sich umkehren. Der Befund einer sinkenden Lohnungleichheit in Deutschland (Fedorets et al., 2020) könnte sich ändern. Die seit 2008/2009 wieder expansive Entwicklung der Arbeitseinkommen ist gefährdet, die positive Entwicklung bei der Lohnquote auf zuletzt wieder 72 Prozent (Niehues/Stockhausen, 2020)ebenfalls.

Spiegelbild der guten Arbeitsmarktsituation war, dass sich im Jahr 2018 drei Viertel der Erwerbstätigen keine Sorgen um den Arbeitsplatz machten (Niehues/Stockhausen, 2020). Diese Einschätzung beginnt bereits zu bröckeln, denn verschiedene Umfragen deuten auf eine stark rückläufige Nachfrage nach Arbeitskräften hin. Diese Botschaften wirken auf die allgemeine Wahrnehmung der Krise durch. Bereits die Perspektive, arbeitslos zu werden, ist dabei ähnlich bedeutsam wie die tatsächliche Arbeitslosigkeit (Hipp, 2020). Insbesondere die Arbeitsmarktintegration von Personen mit Migrationshintergrund wird wieder deutlich schwieriger werden. In der personenbezogenen Dienstleistungsökonomie muss mit einer besonderen Pandemie-Betroffenheit dieser Bevölkerungsgruppe gerechnet werden.

Die Folgen einer unvermeidbaren Verschlechterung bei zentralen Arbeitsmarktaggregaten gehen deutlich über einkommensbezogene monetäre Größen hinaus. Die gesamtfiskalischen Kosten der Arbeitslosigkeit von rund 53 Mrd. Euro für das Jahr 2017 werden im Jahr 2020 steil ansteigen. Sie umfassen naturgemäß zudem noch nicht die sozialen, motivationalen und psychosozialen Folgekosten einer wieder zunehmenden und sich je nach der weiteren ökonomischen Entwicklung möglicherweise verfestigenden Arbeitslosigkeit. Eine Rückkehr der Langzeitarbeitslosigkeit bei einem dauerhaft eingeschränkten Hochfahren wirtschaftlicher Aktivität ist nicht ausgeschlossen.