Der Überschuss in der deutschen Leistungsbilanz ist zu hoch, monieren Experten immer wieder: So haben die EU-Kommission, der IWF und die OECD immer wieder mahnend auf den Überschuss hingewiesen. Eine ihrer Forderungen: Deutschland muss mehr öffentlich investieren, schließlich liegt die Bundesrepublik hier deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Und auch im EU-Vergleich gehört Deutschland zu den Schlusslichtern: Gemessen am BIP investiert der Staat gerade einmal 2,2 Prozent, EU-weit sind es 2,8 Prozent. Hinter der Forderung steckt die Annahme, dass die Importe steigen, wenn Deutschland mehr investiert. 

Effekt kaum messbar

Allerdings haben mehr öffentliche Investitionen nur einen geringen Effekt auf die Entwicklung der Leistungsbilanz, zeigt eine neue IW-Studie. Die wichtigsten Gründe: Gemessen am BIP investiert der Staat relativ wenig, zudem spielen importierte Güter bei öffentlichen Investitionen nur eine unterdurchschnittliche Rolle. Entsprechend würde die Importnachfrage bei höheren Investitionen wenig angekurbelt. Selbst wenn der Staat seine öffentlichen Investitionen jährlich um fünf Prozent erhöhen würde, würde der Leistungsbilanzüberschuss nach zehn Jahren um gerade einmal einen Prozentpunkt im Vergleich zur Situation ohne zusätzliche Stimuli sinken. Selbst ein sofortiger Anstieg der Investitionen um 50 Prozent hätte nur einen geringen Effekt auf den Leistungsbilanzüberschuss in Höhe von 1,3 Prozentpunkten nach zehn Jahren. 

Hoher Investitionsbedarf

„Grundsätzlich sollte Deutschland mehr für Verkehrsinfrastruktur, Digitalisierung und Bildung investieren“, sagt Studienmitautorin Sonja Jovicic. „Allerdings sind solche Investitionen kaum geeignet, um Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz anzugehen.“ Hinzu kommt: Das Rentensystem wird in den kommenden Jahrzehnten durch die alternde Gesellschaft belastet. Sowohl der Staat als auch die privaten Haushalte sind daher gut beraten, Ersparnisse für diesen Zweck zur Seite zu legen. „Wir rechnen damit, dass Deutschland noch lange Überschüsse in der Leistungsbilanz verbuchen wird“, betont Studienmitautorin Galina Kolev. 

Die IW-Studie wurde im Vorfeld der diesjährigen German-American Conference des American Council on Germany und der Atlantik-Brücke vorgestellt.