Die deutsche Lohn- und Tarifpolitik stieß vor allem im europäischen Ausland viele Jahre auf wenig Gegenliebe. Denn durch die beschäftigungsorientierten Lohnabschlüsse verbesserte sich Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der EU. Nun hat sich dieser Trend umgekehrt. Die Löhne sind in den vergangenen Jahren merklich gestiegen. Die Arbeitskosten insgesamt legten seit 2008 um fast 17 Prozent, die Produktivität allerdings nur um 3 Prozent zu, die Lohnstückkosten stiegen dadurch nominal um 13 Prozent.

Mit Blick auf anstehende Tarifabschlüsse warnen die IW-Forscher nun davor, an dieser expansiven Lohnpolitik festzuhalten. Es sei kritisch zu hinterfragen, ob aktuell wirklich so viel Spielraum für höhere Löhne vorhanden ist, wie verschiedene Seiten behaupten. Nach deren Argumentation müsste das Lohnplus so hoch sein wie die Summe aus Produktivitätzszuwachs und Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank (EZB). Laut IW widerspricht allerdings folgendes dieser Berechnungsmethodik: Die tatsächliche Inflationsrate ist deutlich niedriger als die EZB-Zielinflationsrate von knapp 2 Prozent. Zudem entwickeln sich Verbraucherpreise, Produzentenpreise und Zielinflation nicht zwangsläufig parallel – gerade die für den lohnpolitischen Verteilungsspielraum relevanten Produzentenpreise stagnieren seit einiger Zeit.

All das gelte es bei der Lohnfindung zu berücksichtigen. Denn wann immer Löhne über den Produktivitätsfortschritt und die Inflation hinaus erhöht werden, wirkt das als Kostenschock negativ auf Arbeitsnachfrage und Investitionen.