Ökonomen definieren Arm und Reich meist in Relation zum Medianeinkommen des jeweiligen Landes: Wer weniger als 60 Prozent davon hat, dem droht Armut, Reichtum beginnt je nach Abgrenzung bei 200 bis 300 Prozent. In Deutschland betrug das Medianeinkommen im Jahr 2014 kaufraftbereinigt 1.656 Euro, in Luxemburg 2.450 Euro und in Rumänien 390 Euro. Folglich kann eine Person mit der gleichen Kaufkraft in dem einen Land vergleichsweise einkommensstark sein, in dem anderen Land relativ einkommensschwach. In einer neuen interaktiven Grafik des IW kann nun jeder Bundesbürger herausfinden, wo er mit seiner Kaufkraft im Schichtgefüge der anderen europäischen Länder landen würde.

Eine andere Option ist, Europa so darzustellen als wäre es ein einziges Land – und das ändert die Besetzung der Einkommensschichten grundlegend: Rund 20 Millionen Europäer aus reicheren Ländern gelten dann nicht mehr als armutsgefährdet. Umgekehrt schaffen es mehr als 45 Millionen Menschen aus den ärmeren EU-Staaten nicht mehr über die EU-weite Armutsschwelle, obwohl sie nach den jeweiligen nationalen Standards nicht armutsgefährdet waren. Das träfe beispielsweise in Rumänien auf rund 90 Prozent der Bevölkerung zu, in Luxemburg dagegen auf weniger als 2 Prozent.

Insgesamt würden rund 22 Prozent der EU-Bürger in einem fiktiven europäischen Staat unter der kaufkraftbereinigten Armutsschwelle leben – gemäß des bevölkerungsgewichteten Durchschnitts der nationalen Quoten sind es lediglich 17 Prozent. Spiegelbildlich dazu würde die Mittelschicht im weiten Sinn schrumpfen: von knapp 79 auf rund 73 Prozent. Die Zahl der Einkommensreichen stiege von 4 auf 5 Prozent. Der Wohlstand ist in Europa also spürbar ungleicher verteilt als der Durchschnitt der einzelnen Länder vermuten lässt. „Für Deutschland dagegen bedeutete die EU als supranationale Einheit statistisch eine Verbesserung: Gemessen am mittleren Einkommen der EU halbiert sich die relative Armut in etwa“, sagt IW-Expertin Niehues.