Gerade einmal 18,5 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland sind Gewerkschaftsmitglied – und seit Jahren werden es weniger. Zum Vergleich: Vor der Wiedervereinigung waren noch mehr als 30 Prozent aller Beschäftigten in einer Gewerkschaft. 

Das grundsätzliche Problem: Von der Gewerkschaftsarbeit profitieren Arbeitnehmer unabhängig davon, ob sie Mitglied sind oder nicht. Handeln Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften Löhne und Tarifverträge aus, gilt das für alle Mitarbeiter, die nach Tarif bezahlt werden, und nicht nur für diejenigen, die bereit sind, ein Prozent ihres Bruttomonatsverdienstes für eine Mitgliedschaft auszugeben. Aktuell werden mehr als die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland nach Tarif bezahlt.

Vor allem junge Arbeitnehmer, Frauen, Teilzeitbeschäftigte mit weniger als 30 Arbeitsstunden je Woche und Migranten sind laut IW-Studie selten Gewerkschaftsmitglieder. Auch zwischen Ost und West gibt es erhebliche Unterschiede: So sind fast 20 Prozent der Westdeutschen, aber gerade einmal rund 13 Prozent der Ostdeutschen Mitglied. Auf der anderen Seite sind viele Gewerkschaftsmitglieder nicht mehr berufstätig, sondern in Rente – die Organisationen haben also Schwierigkeiten, ihre eigentliche Zielgruppe zu erreichen. 

Es scheint zwar so, als hielten viele Arbeitnehmer Gewerkschaften für bedeutungslos. Allerdings täuscht dieser Eindruck, sagt IW-Ökonomin Helena Schneider: Immerhin sind 70 Prozent der Arbeitnehmer der Ansicht, dass starke Gewerkschaften gebraucht werden, das geht aus der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften aus dem Jahr 2016 hervor. „Das Verhalten der Arbeitnehmer ist paradox“, sagt Schneider. Schließlich können sich Gewerkschaften nur durchsetzen, wenn sie genügend Mitglieder haben. Je weniger Arbeitnehmer sich engagieren, desto schlechter ist die Verhandlungsmacht, desto geringer der Einfluss und desto schwieriger wird es, Tarifverträge zu verhandeln, die für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen attraktiv sind.