Von 2010 bis 2014 gab es in Deutschland pro Jahr durchschnittlich drei streikbedingte Ausfalltage je 1.000 Beschäftigte. Damit gehörte die Bundesrepublik zu den OECD-Ländern mit den stabilsten Arbeitsbeziehungen. Zum Vergleich: Im Vereinten Königreich fielen seit 2010 im Schnitt 26 Tage pro Jahr aus, in Frankreich 139 Tage. Im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise haben laut IW-Analyse in vielen Ländern politisch motivierte Massenstreiks zugenommen, was die Streikbilanz dort belastet. In Deutschland ging die Krise indes mit wenigen Ausfalltagen einher – die Sozialpartnerschaft funktionierte. Länderübergreifend zeigt sich, dass die Zahl der Streiks und auch die dadurch verursachten Ausfalltage seit Beginn der 1990er Jahre rückläufig sind. Inzwischen gibt es mehrere Länder mit stabilen Arbeitsbeziehungen – nicht nur Japan, die Schweiz oder Österreich, sondern auch osteuropäische Länder wie Polen oder Ungarn.

Dass sich zunehmend der Eindruck verfestigt, in Deutschland werde immer mehr gestreikt, hängt damit zusammen, dass Arbeitskämpfe in Deutschland spürbarer geworden sind als früher: Bis 2004 entfielen mehr als 80 Prozent der Arbeitstage, die durch Streiks verloren gingen, auf das produzierende Gewerbe. Seit 2005 entfallen drei Viertel auf den Dienstleistungssektor, also zum Beispiel auf Busse, Bahn oder Kindergärten. Mit dieser „Tertiarisierung“ des Streiks ist die Zahl der Streikenden je bestreiktem Betrieb von 583 (1995-1999) auf 64 (2010-2014) zurückgegangen. Dafür nahm die Streikdauer von durchschnittlich 0,9 Tagen auf 2,8 Tage zu, wobei im Dienstleistungssektor länger als in der Industrie gestreikt wird. „Steigen Ausfalltage und Konflikthäufigkeit
weiter an, droht Deutschland ein wichtiger Standortvorteil verloren zu gehen“, warnt IW-Streikforscher Hagen Lesch.

Hagen Lesch: Strukturwandel des Arbeitskampfs – Deutschland im OECD-Ländervergleich, in IW-Trends 3/2015

Ansprechpartner im IW: Dr. Hagen Lesch, Telefon 0221 4981-778