Steigende Ungleichheit kann einerseits positive Anreizwirkungen mit sich bringen und die Leute motivieren, mehr Risiken einzugehen und höhere Bildungsabschlüsse zu erzielen. Zudem führt eine höhere Ungleichheit zu einer höheren gesamtwirtschaftlichen Ersparnis, die dann für Investitionszwecke zur Verfügung steht – denn die Sparquote unter den Besserverdienenden ist höher. Auf der anderen Seite kann es auch negative Effekte geben, denn mehr Ungleichheit geht in der Regel mit einem geringeren Bildungsniveau einher. Es bleibt aber fraglich, in welche Richtung der Zusammenhang verläuft. Denn die Ungleichheit kann zu weniger Bildungschancen führen, aber auch das geringere Bildungsniveau wirkt sich auf die Ungleichheit der Einkommensverteilung aus.

Zudem können die Ungleichheit und das Bildungsniveau durch andere Entwicklungen beeinflusst werden – etwa durch wirtschafts- und bildungspolitische Maßnahmen. Den alleinigen Effekt der Ungleichheit auf die Bildung und somit auf die Ungleichheit zu isolieren, bleibt nach wie vor schwierig.

Studien, die explizit für die wechselseitige Wirkung von Ungleichheit und Wirtschaftswachstum Rechnung tragen, kommen zum Ergebnis, dass der Zusammenhang zwischen den Variablen nicht eindeutig ist. Viel mehr hängt er vom Entwicklungsstand des betrachteten Landes ab sowie von dem Ungleichheitsniveau selbst. Länder mit einem geringeren Entwicklungsstand haben in der Regel einen erschwerten Zugang zum Gesundheits- und Bildungssystem für Geringverdiener. In diesen Ländern dürfte die steigende Ungleichheit daher das Wirtschaftswachstum bremsen.

In Ländern mit einem hohen Pro-Kopf-Einkommen von über 9.000 US-Dollar ist hingegen kein negativer Effekt der zunehmenden Ungleichheit auf das Wachstum zu erwarten. Weiterhin spielt das Niveau der Ungleichheit eine Rolle – für Werte des Gini-Koeffizienten unter 0,35 ist keine Beeinträchtigung des Wirtschaftswachstums durch leicht steigende Ungleichheit zu erwarten. Da es sich bei Deutschland um ein entwickeltes Land mit einem hohen Pro-Kopf-Einkommen und einer unterdurchschnittlichen Einkommensungleichheit von knapp 0,29 handelt, dürfte auch eine steigende Ungleichheit das Wirtschaftswachstum nicht bremsen.