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Die Zahl der Touristen lag in der Türkei schon im Mai – also noch vor dem Putschversuch – 35 Prozent unter dem Vorjahreswert. Entsprechend leer ist es auf den Basaren. Foto: photocritical/iStock

Um fast 5 Prozent pro Jahr ist die türkische Wirtschaft seit dem Machtwechsel im Jahr 2002 gewachsen. Die Staatsverschuldung hat sich halbiert, die Inflationsrate liegt schon seit mehreren Jahren im einstelligen Bereich – ein beachtlicher Fortschritt verglichen mit Teuerungsraten von über 50 Prozent in den Jahren davor. Zahlreiche Infrastrukturprojekte und eine junge, konsumfreudige Bevölkerung machen das Land zu einem attraktiven Standort für internationale Unternehmen.

Doch die relativ stabilen Wirtschaftsverhältnisse reichen alleine nicht aus: Die zunehmende politische Unsicherheit hat bereits sichtbare Spuren hinterlassen. Um fast 35 Prozent lag die Touristenzahl schon im Mai – also noch vor dem Putschversuch – unter dem Vorjahreswert. Eine wichtige Einnahmequelle ist somit in Gefahr. Denn etwa ein Achtel der türkischen Wirtschaftsleistung entfällt auf die Branche. Und nur dank der Einnahmen aus dem Tourismus kann die Türkei einen Teil ihres enormen Defizits aus dem Warenhandel mit anderen Ländern decken. Im Jahr 2015 lag das Defizit in der Warenhandelsbilanz bei fast 6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Etwa die Hälfte davon wird durch die Einnahmenüberschüsse beim Tourismus finanziert.

Doch diese Gegenbuchung ist akut gefährdet: Bereits in den ersten fünf Monaten des Jahres 2016 sind die von ausländischen Touristen kommenden Einnahmen um mehr als ein Fünftel gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum eingebrochen. Dass internationale Kapitalgeber einspringen, um die hohen Defizite anstelle der Touristen zu finanzieren, ist aber wenig wahrscheinlich. Ganz im Gegenteil – die politische Unsicherheit ist Gift für das Investitionsklima und es kommt zu Kapitalflucht: Gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum sind die Nettozuflüsse an Direktinvestitionen bis Mai 2016 um mehr als die Hälfte gesunken; allein in der Woche nach dem Putschversuch ist der türkische Aktienmarktindex um 15 Prozent eingebrochen.

Die wirtschaftlichen Perspektiven im Land haben sich erheblich eingetrübt. Denn das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit der türkischen Wirtschaft ist erschüttert – und eine Besserung ist momentan nicht in Sicht. Demokratie, Sicherheit, Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit sind für die langfristige Stabilität unerlässlich.

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IWF-Kritik: Suche nach einer Geschichte
Gastbeitrag, 19. Juni 2017

Michael Hüther im Wirtschaftsdienst IWF-Kritik: Suche nach einer GeschichteArrow

Folgt man der Berichterstattung, dann muss man den Eindruck gewinnen, der Internationale Währungsfonds (IWF) habe sich in seinem Deutschland-Bericht (Artikel IV Konsultationen) vom Mai 2017 ausschließlich mit dem Leistungsbilanzüberschuss beschäftigt, um daraus die Empfehlung höherer staatlicher Kreditaufnahme abzuleiten. mehr

Deutsche Investitionen im Fokus der internationalen Politik
IW-Kurzbericht, 7. Juni 2017

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Die hohen deutschen Leistungsbilanzüberschüsse werden heftig kritisiert. Als Erklärung wird unter anderem eine zu schwache Investitionstätigkeit in Deutschland angeführt. Dieser Zusammenhang ignoriert jedoch die Internationalisierung der Investitions- und Produktionsstandorte sowie intertemporale Spar- und Investitionsentscheidungen. mehr

31. Mai 2017

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Das vor 50 Jahren erlassene Stabilitätsgesetz hat vier ökonomische Ziele in den Fokus gerückt, die von der Wirtschaftspolitik anzustreben sind. Doch wie gut ist es Deutschland seither wirklich gelungen, niedrige Arbeitslosigkeit, geringe Inflation, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und stetiges Wirtschaftswachstum in Einklang zu bringen? Das magische Viereck im Überblick. mehr auf iwd.de