Wettbewerb ist eigentlich etwas Gutes, weil er Monopole verhindert. Bei Gewerkschaften führt die Konkurrenz jedoch dazu, dass eine die andere übertrumpfen will – GDL und EVG weigern sich sogar, gemeinsam zu verhandeln. Eine Analyse des Konfliktverhaltens der beiden Bahn-Gewerkschaften zeigt, dass die GDL eher auf Konfrontation setzt.

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat dazu die zwölf Tarifkonflikte seit dem Jahr 2007 näher untersucht. Es zeigt sich, dass die GDL mit 11,6 Monaten pro Tarifkonflikt länger verhandelt als die EVG, die 6,8 Monate braucht. Außerdem eskalieren Tarifverhandlungen der GDL stärker als bei der EVG. Die Lokführergewerkschaft kommt auf einer siebenstufigen Eskalationsskala im Durchschnitt auf 4,2, die Eisenbahnergewerkschaft auf 3,2. Und schließlich droht die GDL öfter als die EVG mit Streik, sie bricht Verhandlungen eher ab und greift auch schneller zur schärfsten Waffe, dem Streik. Die EVG belässt es eher bei kürzeren Warnstreiks. Summiert man alle Eskalationsmaßnahmen in Tarifverhandlungen auf, kommt die GDL auf gut dreieinhalbmal so viele Punkte wie die EVG (29,2 gegenüber 7,8).

Dass die GDL konfliktreicher verhandelt als ihre große Konkurrenzgewerkschaft, liegt sicherlich auch an ihrer kämpferischen Grundhaltung. Wichtiger dürfte aber sein, dass die GDL langwierige Auseinandersetzungen über ihren Organisationsbereich führen musste. 2007 und Anfang 2008 musste sie das Bahn-Management dazu bringen, einen eigenständigen Lokführertarifvertrag zuzugestehen, 2014 und 2015 kämpfte sie darum, das gesamte Zugpersonal tariffieren zu dürfen.

In der laufenden Tarifrunde könnte sich das Bild verändern. Die EVG hat bereits zweimal mit Streik gedroht, die GDL erst einmal. Außerdem haben sich Bahn und GDL in der letzten Tarifrunde auf ein Schlichtungsverfahren geeinigt. Da in der Regel drei von vier Schlichtungen erfolgreich sind, könnte auch das neue Schlichtungsabkommen der Bahn dazu beitragen, neue Streikwellen der Lokführer zu vermeiden. Ein Grundproblem führt allerdings zu großer Unsicherheit: Die EVG-Forderungen unterscheiden sich sehr stark von denen der GDL. Wenn die Bahn auf inhaltsgleiche Regelungen für alle Berufsgruppen pocht, liegt vor allen Beteiligten noch ein langer und steiniger Weg.

Die GDL sucht den Konflikt

Verhandlungsdauer in Monaten

Höchste Eskalationsstufe einer Tarifverhandlung (0=Tarifverhandlung; 1=Streikdrohung; 2=Abbruch der Verhandlungen; 3=Streikaufruf; 4=Warnstreik; 5=Scheitern und Schlichtung/juristische Auseinandersetzung; 6=Scheitern und Urabstimmung/Scheitern und Streik, 7=Arbeitskampf)

Konfliktintensität: Bereinigte Summe der in einer Tarifverhandlung aufgetretenen Eskalationsstufen.

GDL: Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, EVG: Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, Quelle: IW-Tatrifdatenbank