Das vom IW Köln entwickelte Konzept berücksichtigt neben Streik oder Aussperrung auch andere Konflikthandlungen wie Streikdrohungen, Verhandlungsabbrüche, Urabstimmungen oder juristische Auseinandersetzungen. Die aktuelle Auswertung von 134 Tarifkonflikten aus elf Branchen seit 2000 zeigt: Spartengewerkschaften kommen im Durchschnitt pro Tarifverhandlung auf 23 Konfliktpunkte, Branchengewerkschaften auf lediglich 13.

Dabei ziehen sich die Verhandlungen der Spartengewerkschaften im Durchschnitt 9,1 Monate hin – mehr als doppelt so lang wie die von Branchengewerkschaften (siehe Tabelle 1). Besondere Probleme entstehen in solchen Branchen, in denen mehrere Gewerkschaften separat verhandeln. So kommen Krankenhäuser sowie der Schienen- und Flugverkehr im Durchschnitt auf 47 bis 55 Punkte, während vor allem in der Chemischen Industrie, aber auch im Bankgewerbe oder im Bauhauptgewerbe vergleichsweise konfliktarm verhandelt wird (siehe Tabelle 2).

Tabelle 1: Konfliktbereitschaft von Gewerkschaften in Deutschland
Jeweils durchschnittliche Werte in Punkten und Verhandlungslänge in Monaten
Die Konfliktintensität misst anhand einer Eskalationspyramide, wie konfliktintensiv eine Tarifauseinandersetzung verläuft. Dabei werden bei Erreichen bestimmter Eskalationsstufen Maluspunkte vergeben: Streikdrohung/Aussperrungsdrohung=1 Punkt; Abbruch der Verhandlungen=2 Punkte; Streikaufruf=3 Punkte; Warnstreik=4 Punkte; Scheitern und Schlichtung sowie Juristische Auseinandersetzungen=5 Punkte; Scheitern und Urabstimmung oder Scheitern und Streikankündigung=6 Punkte; Streik und Aussperrung=7 Punkte. Treten die einzelnen Merkmale im Verlauf einer Tarifauseinandersetzung mehrfach auf, werden diese kumuliert. Beim Verfahren II werden in Wirtschaftszweigen der Daseinsvorsorge die Konflikthandlungen Streikaufruf und Warnstreik jeweils mit 7 Punkten bewertet, weil es zu einem nicht-nachholbaren Produktionsausfall kommt.
Spartengewerkschaft Maximale Eskalationsstufe Konflikt-intensität (I) Konflikt-intensität (II) Verhandlungslänge
GDL 4,3 34,0 43,4 10,6
MB 4,6 22,1 22,1 5,9
VC 3,1 16,1 19,5 11,5
UFO 4,6 10,2 12,4 9,8
GdF 4,3 16,8 19,1 7,5
Durchschnitt 4,2 19,8 23,3 9,1
Branchengewerkschaft
EVG (Schienenverkehr) 3,0 7,2 11,3 6,3
IG Metall (M+E-Industrie) 4,2 19,8 19,8 3,5
IG BAU (Bauhauptgewerbe) 3,6 7,7 7,7 5,4
Verdi, dbb, GEW (ÖD) 4,2 17,3 27,8 4,9
IG BCE (Chemische Industrie) 0,2 0,2 0,2 2,0
Verdi (insgesamt) 3,2 11,4 12,6 4,3
Durchschnitt 3,1 10,6 13,2 4,4
Durchschnitt ohne IG BCE 3,6 12,7 15,8 4,9
Anm.: Verdi: Druckindustrie, Privates Bankgewerbe, Luftfahrt, Nachrichtenübermittlung; Untersuchungsbasis: 134 Tarifkonflikte zwischen 2000 bis 2014; Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Tabelle 2: Konfliktintensität nach Wirtschaftszweigen
Werte in Punkten und Verhandlungslänge in Monaten
Die Konfliktintensität misst anhand einer Eskalationspyramide, wie konfliktintensiv eine Tarifauseinandersetzung verläuft. Dabei werden bei Erreichen bestimmter Eskalationsstufen Maluspunkte vergeben: Streikdrohung/Aussperrungsdrohung=1 Punkt; Abbruch der Verhandlungen=2 Punkte; Streikaufruf=3 Punkte; Warnstreik=4 Punkte; Scheitern und Schlichtung sowie Juristische Auseinandersetzungen=5 Punkte; Scheitern und Urabstimmung oder Scheitern und Streikankündigung=6 Punkte; Streik und Aussperrung=7 Punkte. Treten die einzelnen Merkmale im Verlauf einer Tarifauseinandersetzung mehrfach auf, werden diese kumuliert. Beim Verfahren II werden in Wirtschaftszweigen der Daseinsvorsorge die Konflikthandlungen Streikaufruf und Warnstreik jeweils mit 7 Punkten bewertet, weil es zu einem nicht-nachholbaren Produktionsausfall kommt.
Wirtschaftszweige Durchschnittliche maximale Eskalationsstufe Durchschnittliche Verhand-lungslänge Kumulierte Konflikt-intensität (I) Kumulierte Konfliktintensität (II)
Schienenverkehr 3,6 8,4 41,2 54,6
Krankenhäuser 4,4 5,4 39,4 49,9
Luftfahrt 3,5 8,5 35,2 46,5
Flugsicherung 4,3 6,2 34,1 46,9
M+E-Industrie 4,2 3,5 19,8 19,8
Bauhauptgewerbe 3,6 5,4 7,7 7,7
Privates Bankgewerbe 2,4 5,5 8,0 8,0
Öffentlicher Dienst 4,2 4,9 17,3 27,8
Chemische Industrie 0,2 2,0 0,2 0,2
Druckindustrie 4,0 6,6 16,1 16,1
Nachrichten-übermittlung 3,5 2,6 12,1 12,1
Untersuchungsbasis: 134 Tarifkonflikte zwischen 2000 bis 2014; Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln

IW-Trends

Hagen Lesch: Die Konfliktintensität von Tarifverhandlungen

IconDownload | PDF

Ansprechpartner

21. Juni 2017

Adam Giza Gewerkschaften unter DruckArrow

Die Arbeitnehmervertretungen kommen zunehmend unter Druck. Nicht einmal mehr jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland war 2015 Mitglied in einer Gewerkschaft. Allerdings gibt es große regionale Unterschiede. mehr auf iwd.de

Gewerkschaftsspiegel, 8. Juni 2017

Paula Hellmich / Hagen Lesch DGB-Organisationsgrad: Nordwesten stärker, Südosten schwächerArrow

Ende 2015 zählten die acht im DGB zusammengeschlossenen Einzelgewerkschaften zusammen über 6 Millionen Mitglieder. Die Hälfte davon verteilt sich auf die drei großen Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. Am stärksten sind die DGB-Gewerkschaften jedoch im Saarland und in Bremen, am schwächsten in Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. mehr

Gewerkschaftsspiegel, 8. Juni 2017

Adam Giza Tarifbindung: Jeder Zweite bekommt TarifentgeltArrow

Zur Schätzung des Anteils tarifgebundener Arbeitnehmer in Deutschland wurde bisher auf das IAB-Betriebspanel und die Verdienststrukturerhebung zurückgegriffen. Mit dem Sozio-oekonomischen Panel steht nun eine dritte Datenbasis zur Verfügung. Danach wurde 2015 knapp jeder zweite Arbeitnehmer nach einem Tarifvertrag bezahlt. mehr