Streikrekordjahr 2015 Image
Bis Ende Juni dürfte die deutsche Wirtschaft bereits 600.000 Arbeitstage durch Arbeitskämpfe verloren haben – auch die Deutsche Post. Quelle: Petair – Fotolia

In diesem Jahr gibt es in fast allen wichtigen Branchen Tarifverhandlungen, gleichzeitig sind Altkonflikte wie die der Lokführer und Piloten noch nicht gelöst. Viele Verhandlungen müssen aber nicht zwangsläufig viel Eskalation bedeuten. Dass in diesem Jahr Eskalation „Trumpf“ ist, hat verschiedene Gründe:

Arbeitsmarkt. Zwischen 1995 und 2008 gab es eine lange Phase beschäftigungsorientierter Lohnabschlüsse. Diese haben mit dazu beigetragen, die Arbeitslosenzahl von über 5 auf unter 3 Millionen zu senken. Durch die Zurückhaltung von einst sind die Ansprüche der Gewerkschaften und die Ansprüche vieler Arbeitnehmer gestiegen. Entsprechend ist die Lohnpolitik seit der Wirtschafts- und Finanzkrise expansiv. Ist der lohnpolitischen Verteilungsspielraum aber gering - wie zuletzt aufgrund eines geringen Produktivitätswachstums und einer niedrigen Teuerungsrate –, dann liegen Gewerkschafts- und Arbeitgeberpositionen weit auseinander.

Gewerkschaftsrangeleien. Bei der Deutschen Bahn eskalierte der Konflikt, weil die beiden Bahngewerkschaften GDL und EVG darüber stritten, wer welche Berufsgruppen federführend vertreten darf. Gleichzeig lehnte es das Unternehmen ab, für eine Berufsgruppe unterschiedliche Tarifverträge zu schließen. Solche Konflikte soll künftig das Tarifeinheitsgesetz vermeiden.

Abwehrstreiks. Bei den Lufthansa-Konflikten geht es wie bei der Deutschen Post darum, dass sich die Gewerkschaften gegen Eingriffe in Besitzstände wehren. Solche Abwehrstreiks sind seit etwa zehn Jahren häufiger zu beobachten, unter anderem 2006 im Öffentlichen Dienst und 2007 bei der Deutschen Telekom. Abwehrstreiks können sich über mehrere Wochen hinziehen.

Angriffsstreiks. Bei der Berliner Charité, den Kitas oder bei Amazon kämpft die Gewerkschaft für bessere Arbeitsbedingungen. Die Erzieherinnen haben bereits eine reguläre Entgelterhöhung im Rahmen der Tarifrunde des Öffentlichen Dienstes erhalten. Verdi will aber die Sozial- und Erziehungsberufe aufwerten und streikt daher für eine generelle Höhergruppierung. Da dies das gesamte Gehaltsgefüge im Öffentlichen Dienst durcheinanderbringen würde und viel Geld kostet, wehren sich die Arbeitgeber dagegen. Bei der Charité soll zusätzliches Personal eingestellt werden, damit die Arbeitsbelastung des Pflegepersonals abnimmt. Die geforderten 600 neuen Stellen würden nach Arbeitgeberangaben bis zu 36 Millionen Euro kosten. Da ein Krankenhaus die Mehrkosten nicht einfach auf die Behandlungskosten aufschlagen kann, sind die Arbeitgeber dazu finanziell gar nicht in der Lage.

Insgesamt fällt bei dem aktuellen Streik-Hoch auf, dass vor allem Verdi an den Konflikten beteiligt ist. Diese Gewerkschaft versucht nämlich ganz offen, auch durch Mobilisierung Mitglieder zu gewinnen. Sollte das Schule machen, werden Streiks im Dienstleistungssektor künftig wohl zum Alltag gehören.

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Durch Arbeitskampf ausgefallene Arbeitstage in Deutschland

ab 2008 einschließlich Bagatellstreiks; Quelle: Bundesagentur für Arbeit, IW-Schätzung für 2015 bis Ende Juni auf Basis von Arbeitgeber-, Gewerkschafts- und Presseangaben

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Interview, 20. November 2017

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