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Schrumpft die deutsche Mittelschicht, die beispielsweise in Reihenhäusern wie diesen lebt? Eine DIW-Studie kommt zu diesem Ergebnis und Medien berichten alarmistisch. Doch die Wahrheit sieht anders aus. Foto: Ralf Gosch/iStock

Laut einer Berechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) hat die Mittelschicht in Deutschland seit der Wiedervereinigung von 60 Prozent auf 54 Prozent abgenommen. Doch dieser Prozess vollzog sich vor allem um die Jahrtausendwende: Seit 2005 – also seit einem Jahrzehnt – gibt es in Deutschland annähernd stabile Verhältnisse, was die Verteilung angeht. So zeigt auch die DIW-Studie, dass sich die Größe der Mittelschicht zwischen 2011 und 2013, dem Jahr der jüngsten Daten, nicht verändert hat.

Ebenso überrascht die Nähe der Verteilungsbefunde für Deutschland und die USA. Denn laut OECD lag der Gini-Koeffizient der Gesamteinkommen – vor Abgaben, aber inklusive aller staatlichen Transfers – in den USA im Jahr 2012 bei 0,49, in Deutschland aber nur bei 0,35. Der Gini-Koeffizient ist das gängigste Maß zur Beurteilung der Einkommensverteilung. Er kann zwischen null und eins liegen. Null bedeutet, dass alle gleich viel verdienen, eins bedeutet, dass das gesamte Einkommen einer einzigen Person zufällt. Demzufolge belegen seine Werte zweifelsfrei, dass zwischen dem Ungleichheitsniveau in den USA und in Deutschland nach wie vor Welten liegen.

Dennoch wird die Studie und die alarmistische Berichterstattung über sie wohl den Trend verstärken, dass die Bevölkerung glaubt, die Mittelschicht schrumpfe kontinuierlich: Schon im Pew Global Attitudes Survey im Jahr 2013 gaben 88 Prozent der Deutschen an, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich in den vergangenen fünf Jahren hierzulande geöffnet hat. In Wahrheit untermauern allerdings weder Indikatoren der Einkommens-, noch der Vermögensverteilung entsprechende Befunde für diesen Zeitraum.

Die seit 2005 nicht mehr zu beobachtende Abnahme der Mittelschicht ist nicht zuletzt der positiven Beschäftigungs- und Wirtschaftsentwicklung zu verdanken. Sie hat die Sorgen der Mittelschicht deutlich verringert: Machten sich 2005 noch rund ein Viertel der Angehörigen der Mittelschicht große Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation, waren es 2013 nur noch knapp 13 Prozent – der geringste Wert seit der Wiedervereinigung.

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27. Oktober 2017

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„Die unteren Einkommensgruppen profitieren kaum von der guten wirtschaftlichen Lage in Deutschland“ – dieser viel zitierte Befund mag der Mehrheitsmeinung entsprechen und sie mehr und mehr stärken. Doch Plausibilitätschecks hält das alarmierende Szenario kaum stand, mahnt Judith Niehues, Leiterin der Forschungsgruppe Mikrodaten und Methodenentwicklung im IW Köln. mehr auf iwd.de

IW-Trends, 26. Oktober 2017

Judith Niehues Einkommensentwicklung, Ungleichheit und ArmutArrow

Die Ungleichheits- und Armutsdebatte nimmt in der aktuellen medialen Berichterstattung viel Raum ein. Die Datensätze und Plausibilitätstests der Studien, über die berichtet wird, sollten jedoch kritisch hinterfragt werden. mehr

Realeinkommen
Pressemitteilung, 26. Oktober 2017

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Es ist ein gefundenes Fressen für Schwarzmaler: Die Einkommen der ärmsten 40 Prozent der Deutschen seien seit der Wiedervereinigung real kaum gestiegen. Doch eine neue Studie des IW Köln zeigt, dass dieser Befund wenig robust ist. mehr