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Kaum mehren sich die guten Botschaften von der Konjunkturfront, schon entbrennt eine Debatte um den richtigen Kurs der Lohnpolitik. Die Formel „Lohnanstieg gleich Produktivitätsfortschritt plus Inflationsrate“ gibt ein falsches Bild über die Höhe des Verteilungsspielraums. Kaum ein Land wurde so hart von der Wirtschaftskrise getroffen wie Deutschland. Das Bruttoinlandsprodukt brach im Jahr 2009 um 4,9 Prozent ein, die Industrieproduktion gar um mehr als 15 Prozent. Trotz des scharfen Einbruchs haben die Unternehmen, wo immer es ging, auf Entlassungen verzichtet. Sie haben den Rückgang der Produktion zu einem erheblichen Teil durch Produktivitätsverluste aufgefangen.Im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt sank die Stundenproduktivität um 2,2 Prozent, im Verarbeitenden Gewerbe sogar um 9,4 Prozent. Trotzdem sind die Arbeitnehmerverdienste je Stunde um 3,0 bzw. 4,4 Prozent gestiegen. Hätten wir 2009 die obige Lohnformel angewendet, um die Lohnstückkosten konstant zu halten, hätten die Löhne also gesenkt werden müssen.

Tatsächlich sind die Lohnstückkosten im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt um 5,5 Prozent und im Verarbeitenden Gewerbe um 15,6 Prozent gestiegen. Das bedeutet: Der Anstieg der Produktivität in diesem Jahr ist notwendig, um zur Normalität zurück zu kehren; wird er verteilt, drohen dauerhaft höhere Lohnstückkosten und ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätzen.Außerdem ist die Vorstellung, man könne über kräftige Lohnerhöhungen die Binnenkaufkraft dauerhaft stärken, verfehlt. Zum einen besteht die Binnennachfrage nicht nur aus Konsum, sondern auch aus Investitionen. Wie viel die Unternehmen in neue Bauten und Ausrüstungen investieren, wird von der zu erwartenden Kostenentwicklung maßgeblich beeinflusst. Für die Gesamtnachfrage ist nichts gewonnen, wenn der Konsum steigt, die Investitionen aber sinken.Hinzu kommt: Für die Entwicklung der Konsumnachfrage ist weniger die Lohndynamik als vielmehr die Beschäftigungsentwicklung entscheidend. Empirische Analysen zeigen: Steigt die Beschäftigung um 1 Prozent, nimmt der private Konsum um 0,8 Prozent zu, steigt der Reallohn um 1 Prozent, wächst der private Verbrauch hingegen lediglich um 0,2 Prozent.

Will man den privaten Konsum stärken, muss man also vor allem eine beschäftigungsorientierte Lohnpolitik betreiben.In den vergangenen Jahren sind die Tarifpartner diesen Weg gegangen und haben in der Krise das „deutsche Jobwunder“, von dem im Ausland bewundernd gesprochen wird, mit möglich gemacht. Dieser erfolgreiche Weg sollte deshalb fortgesetzt werden. Eine moderate Lohnpolitik belastet auch nicht Deutschlands Nachbarn. Dies zeigt eine Analyse der Deutschen Bundesbank. Lohnmoderation, so das zentrale Ergebnis, „(erzielt) seine primäre Wirkung auf dem heimischen Arbeitsmarkt …, indem es die Unterbeschäftigung reduziert. … Die Umlenkung internationaler Güterströme durch die Verschiebung der relativen Preise spielt dagegen quantitativ nur eine untergeordnete Rolle.“ Mit anderen Worten: Eine moderate Lohnpolitik ist für alle Länder ein probates Mittel, Beschäftigung zu schaffen und Arbeitslosigkeit abzubauen. Es führt somit kein Weg daran vorbei, dass jedes Land seine eigenen Hausaufgaben macht. Schützenhilfe von Deutschland über eine lohngetriebene Expansion der Importnachfrage ist und bleibt unerfüllbares Wunschdenken.

IW-Report
IW-Report, 22. Mai 2017

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Seit Anfang 2015 gilt in Deutschland ein gesetzlicher Mindestlohn. Um die Auswirkungen auf das Tarifgeschehen zu untersuchen, hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln Experten aus acht Branchen befragt, die unmittelbar vom Mindestlohn betroffen sind. mehr

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Der Mindestlohn hat die Tarifverhandlungen komplizierter gemacht und manchen Tariflohn verdrängt. Wie eine Befragung von acht Branchenverbänden durch das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt, sehen einige Verbände darin einen erheblichen Eingriff in die Tarifautonomie. mehr

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IW-Nachricht, 2. Mai 2017

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