Lohnentwicklung Image
Volle Einkaufsmeilen in Köln: Höhere Löhne stützen den privaten Konsum, lassen aber auch die Arbeitskosten ansteigen. Foto: Michael Luhrenberg/iStock

Haupttreiber der Arbeitskosten sind die Löhne. Die Lohndynamik hat sich in Deutschland seit der Wirtschafts- und Finanzkrise beschleunigt: Seit 2008 stiegen die Tarifverdienste je Stunde um knapp 17 und die tatsächlich gezahlten Bruttoverdienste sogar um fast 21 Prozent. Dem stand ein Produktivitätsplus von lediglich 4,3 Prozent gegenüber (siehe Grafik). Damit haben sich die Lohnsteigerungen von der Produktivitätsentwicklung abgekoppelt.

Im selben Zeitraum stiegen die Verbraucherpreise um 8,4 Prozent. Real betrachtet kam bei den Beschäftigten also ein deutliches Plus im Portemonnaie an. Dies stützt – in Verbindung mit der guten Beschäftigungsentwicklung – den privaten Konsum, der inzwischen neben dem Außenbeitrag eine tragende Säule des deutschen Wachstums ist.

Noch haben die steigenden Lohnstückkosten keine sichtbaren negativen Spuren auf dem deutschen Arbeitsmarkt hinterlassen. Doch langfristig wirft es Probleme auf, wenn sich die Lohnentwicklung zu stark von der Produktivitätsdynamik abkoppelt: Die Unternehmen werden dann gezwungen sein, ihre Preise anzuheben. Das schwächt die preisliche Wettbewerbsfähigkeit und dämpft die Nachfrage nach deutschen Produkten. Wo dagegen keine Preisüberwälzung möglich ist, sinken die Gewinne. Das wiederum führt dazu, dass die Exportindustrie weniger investiert.

Die Gewerkschaften – und das ihnen nahestehende IMK – sind demnach gut beraten, in den kommenden Tarifverhandlungen wieder stärker auf die Kostenentwicklung zu schauen. Denn die positive Lage am Arbeitsmarkt ist auch eine Folge der beschäftigungsorientierten Lohnpolitik zwischen 1995 und 2008.

Löhne und Produktivität haben sich entkoppelt

Index; 2008=100

2015: 1. Halbjahr; Tariflöhne und Bruttolöhne je Stunde; Quellen: Deutsche Bundesbank, Statistisches Bundesamt; Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Ansprechpartner

Gewerkschaftsspiegel, 8. Juni 2017

Adam Giza Tarifbindung: Jeder Zweite bekommt TarifentgeltArrow

Zur Schätzung des Anteils tarifgebundener Arbeitnehmer in Deutschland wurde bisher auf das IAB-Betriebspanel und die Verdienststrukturerhebung zurückgegriffen. Mit dem Sozio-oekonomischen Panel steht nun eine dritte Datenbasis zur Verfügung. Danach wurde 2015 knapp jeder zweite Arbeitnehmer nach einem Tarifvertrag bezahlt. mehr

2. Juni 2017

Hagen Lesch Mindestlohn bringt Tarifbindung in GefahrArrow

Mit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns 2015 sind in vielen Branchen die Tariflöhne verdrängt und die Lohnabstände zwischen gelernten und ungelernten Tätigkeiten verringert worden. Das könnte die Tarifbindung schwächen. mehr auf iwd.de

Besser ohne staatlichen Tarifzwang
Gastbeitrag, 29. Mai 2017

Hagen Lesch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Besser ohne staatlichen TarifzwangArrow

Die sinkende Tarifbindung in Deutschland hat zu einer breiten politischen Debatte geführt. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert die Politik zum Handeln auf. Ein Gastbeitrag von IW-Ökonom Hagen Lesch. mehr