Auf dünnem Eis Image
Quelle: Fotolia

Die EZB hat sich im Laufe der Finanzmarktkrise immer weiter von ihren eigenen Regeln entfernt. So kauft sie Staatsanleihen bedrohter Euro-Staaten auf – obwohl sie per Gesetz Staaten nicht direkt finanzieren darf. Die Zentralbank gefährdet damit zunehmend ihre Unabhängigkeit von der Politik – und auch die aktuelle Zinssenkung dürfte an ihrer Glaubwürdigkeit rütteln. Denn ein Ziel der EZB ist die Preisstabilität, in anderen Worten: In der Euro-Zone sollte die Inflation nicht über 2 Prozent liegen. Momentan jedoch steht die Teuerung mit knapp 3 Prozent bereits deutlich über dem Limit. Mit der Leitzinssenkung verbilligen die Währungshüter das Geld nun noch einmal.

Die Motivation dahinter ist der aktuellen Situation geschuldet: Wie auch schon 2008 haben Banken wenig Vertrauen zueinander und leihen sich gegenseitig nur ungern Geld. Stattdessen beschaffen sie sich ihre Liquidität bei der EZB. Sinkt der Zins für das geliehene Geld, wird es für die Geldhäuser billiger, sich Kapital zu beschaffen. Im besten Fall könnte das dann dazu führen, dass die Banken wieder mehr Kredite nach draußen vergeben und damit die schwächelnde Wirtschaft ankurbeln.

Wie die nächsten Zinsschritte aussehen werden, ist ungewiss. Die Inflationsrate scheint jedenfalls nicht mehr der entscheidende Indikator für die Zinspolitik der EZB zu sein. Eins ist aber sicher: Der Goldpreis wird von der jüngsten Entscheidung deutlich profitieren – gilt das Edelmetall doch als eine besonders krisen- und inflationssichere Anlage. Nichtsdestotrotz täte die EZB gut daran, keine Anzeichen von Inflationspolitik aufkommen zu lassen und damit das Vertrauen internationaler Investoren aufs Spiel zu setzen.

17. November 2017

Jürgen Matthes Europa zwischen Komfortzone und KrisenherdArrow

Das Erstarken populistischer Parteien, Terrorangriffe und nicht zuletzt das Brexit-Votum haben die Europäische Union gehörig durcheinandergeschüttelt. Doch es gibt auch Lichtblicke: Die Begeisterung für den europäischen Staatenverbund war schon lange nicht mehr so groß wie heute. Gleichwohl gibt es in vielen Punkten Verbesserungsbedarf. Dieser Beitrag bildet den Auftakt einer Serie zur Zukunft der EU auf iwd.de. mehr auf iwd.de

Zinswende: Bloß nicht zu schnell
Gastbeitrag, 5. November 2017

Markus Demary und Michael Voigtländer in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Zinswende: Bloß nicht zu schnellArrow

Die geringen Zinsen fördern die Staatsverschuldung, sie belasten Versicherungen und deren Kunden, erschweren die Altersvorsorge und können zu Spekulationsblasen führen. Auf Dauer muss die EZB daher den Leitzins erhöhen, schreiben die IW-Ökonomen Markus Demary und Michael Voigtländer in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Aber die Wende sollte behutsam geschehen – sonst drohen enorme Risiken. mehr