In der Nachkriegszeit war Geld die zentrale Währung, mit der Wachstum erreicht und bedürftige Länder gerettet werden sollten. In den 1990er Jahren gewannen dann die Institutionen in Europa immer mehr an Bedeutung. Ein klares Regelwerk kennzeichnet seither die staatliche Kooperation und die Integration der EU. An diesen Regeln wird ständig gefeilt, um sie zu verbessern. Doch die Eskalation in Griechenland verdeutlicht, dass das beste Regelwerk und umfassende Verträge nutzlos sind, wenn das gemeinsame Wertegerüst – das gemeinsame Spielverständnis – fehlt. Dann zeigen sich einmal mehr die Grenzen der neoklassischen Ökonomik.

Die eklatanten Diskrepanzen zwischen den Einstellungen und Herangehensweisen der europäischen Partner wurden zum einen in der Verhandlungsführung deutlich: Die Regierungschefs verhandelten nicht mehr als Staatenbund über die Ausgestaltung der Rahmenordnungen, sondern über die grundsätzliche Staatsführung eines einzelnen Staates und darüber, wie europäische Solidarität auszusehen hat. Die Unterschiede werden auch in Bezug auf kulturelle Grundeinstellungen deutlich, wie zum Beispiel Daten zur Langfristorientierung des Kulturforschers Geert Hofstede zeigen. Länder, die in der Dimension Langfristorientierung weniger Punkte haben, wie Griechenland mit 43 Punkten, sehen demzufolge Veränderung und gesellschaftlichen Wandel eher mit Skepsis. Länder mit höherer Punktzahl – wie Deutschland mit 83 Punkten – suchen pragmatisch nach Lösungen.

Unverständnis für die Ängste und Werte der jeweiligen Verhandlungspartner kann dazu führen, dass ein ansonsten eher rationaler Konflikt eskaliert und sich die Debatte emotional aufheizt. Ludwig Erhards Aussage „50 Prozent der Wirtschaft sind Psychologie“ lässt sich nämlich problemlos um die Politik ergänzen: Für die zwischenstaatliche Kooperation zeigt die gegenwärtige Krise, dass ein gegenseitiges Werteverständnis in Krisenfällen, neben Geld und Institutionen, die verbindende und rettende Währung sein kann – oder eben auch nicht.