China Image
Ohne umfassende Freiheiten wird es für China unmöglich sein, den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen. Quelle: kokotewan – Fotolia

Seit Beginn der 1990er-Jahre hat sich das Pro-Kopf-Einkommen in China vervierundzwanzigfacht. Das chinesische Wohlstandniveau liegt dank zweistelliger Wachstumsraten heute gleichauf mit dem des EU-Mitglieds Bulgarien. Allerdings erklären die steigenden Investitionen – gerade in den 2000er-Jahren – fast die Hälfte dieses Wachstums. Das hatte auch weltweit Auswirkungen: Heute wird ein Viertel der globalen Investitionen in der Volksrepublik getätigt. Viele der Großprojekte haben sich jedoch als wenig profitabel und stark umweltbelastend herausgestellt

Ohnehin hat der staatlich verordnete Investitionsboom mittlerweile seinen Zenit überschritten: Seit Jahren propagiert die chinesische Führung den Umstieg vom staatlichen Lenkungs- auf ein privates Wachstumsmodell. Doch die gesamtwirtschaftliche Sparquote liegt in China noch immer bei unglaublichen 50 Prozent des BIP, also etwa doppelt so hoch wie in Deutschland. Die sich darin spiegelnde private Risikoaversion ließe sich durch ein vernünftiges Sozialnetz deutlich reduzieren. Dafür müsste die chinesische Regierung neue, verlässliche Institutionen einrichtet, was aber bislang nicht erkennbar ist.

Unter all diesen Vorzeichen wird sich das chinesische BIP-Wachstum voraussichtlich auf durchschnittlich 5 Prozent einpendeln. Für Nationen wie Deutschland, die auf den Export von Investitionsgütern setzen, bedeutet das einen erheblichen Anpassungsbedarf – es sei denn, die chinesische Regierung denkt nachhaltig um. Schließlich zeigen die jüngsten Entwicklungen dort: Eine zentral gesteuerte Marktwirtschaft, die politische Freiheit explizit unterdrückt, kann eine Volkswirtschaft zwar phasenweise auf einen starken Wachstumspfad führen. Für eine nachhaltige Wohlstandsentwicklung muss jedoch mehr als nur die wirtschaftliche Entscheidungskompetenz dezentralisiert werden.

Gewiss: Das Ringen um Entscheidungsprozesse in Deutschland wirkt manchmal träge. Die verordneten Entscheidungen in China erscheinen manchem einfacher und zielführender. Doch der plurale Diskurs, in dem sich jeder auf gleiche Rechte berufen kann und selbst leise Stimmen Gehör finden, ist notwendig, um komplexe Probleme nachhaltig zu lösen.

An dem Punkt der wirtschaftlichen Entwicklung, an dem China aktuell steht, genügt es schlichtweg nicht mehr, nur wirtschaftliche Unabhängigkeit zu gewähren, gleichzeitig aber kulturelle, gesellschaftliche, rechtliche und politische Partizipation zurückzustellen. Denn die Arbeitskostenvorteile im Reich der Mitte sind abgeschöpft, die Technologie-Diffusion hat stattgefunden. Smartphones werden in China mittlerweile ebenso effizient zusammengesetzt wie in Deutschland. Die für den nächsten Entwicklungsschritt notwendigen unternehmerischen Innovationen können aber nur auf einer breiten, mündigen gesellschaftlichen Basis fußen.

Ansprechpartner

Free Trade between Europe and Japan – hope for global prosperity
Gastbeitrag, 20. Juni 2017

Hubertus Bardt on KKC International Platform Free Trade between Europe and Japan – hope for global prosperityArrow

In an environment with growing protectionism and the danger of economic disintegration and shocks for the global trade policy system, a free trade agreement between Japan and Europe could set a positive example. Progress in the negotiations are necessary to foster growth and prosperity and to send a message to other countries, that modern market economies rely on good trade relations. mehr

IWF-Kritik: Suche nach einer Geschichte
Gastbeitrag, 19. Juni 2017

Michael Hüther im Wirtschaftsdienst IWF-Kritik: Suche nach einer GeschichteArrow

Folgt man der Berichterstattung, dann muss man den Eindruck gewinnen, der Internationale Währungsfonds (IWF) habe sich in seinem Deutschland-Bericht (Artikel IV Konsultationen) vom Mai 2017 ausschließlich mit dem Leistungsbilanzüberschuss beschäftigt, um daraus die Empfehlung höherer staatlicher Kreditaufnahme abzuleiten. mehr

Kein Grund zur Panik
Gastbeitrag, 8. Juni 2017

Christian Rusche auf n-tv.de Kein Grund zur PanikArrow

Unsichere Zeiten für die deutsche Wirtschaft. Mit den USA und Großbritannien wandeln sich gleich zwei Handelspartner zu Wackelkandidaten. Auf der Suche nach neuen Beziehungen richtet sich der Blick nach China. Ein Gastbeitrag von Christian Rusche, Wissenschaftler im Institut der deutschen Wirtschaft Köln. mehr