Deutschland erhält wegen seines soliden Wirtschafts- und Beschäftigungswachstums zwar insgesamt ein gutes Testat im „Welt der Arbeit 2012“-Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Dennoch gibt es von der Organisation einen Rüffel dafür, dass Deutschland mehr Niedriglohnempfänger hat als früher und es mit rund 25 Prozent aller Beschäftigten einen relativ hohen Anteil von „atypisch Beschäftigten“ gibt – also von Menschen mit Kurzzeitverträgen, Teilzeitkräfte, Minijobber und Zeitarbeitnehmer.

Diese Bewertung der ILO ist allerdings problematisch: Einmal davon abgesehen, dass es merkwürdig ist, Teilzeitarbeit als „atypisch“ einzuordnen, wird von der ILO ignoriert, dass der Anteil der Niedriglohnbeschäftigten in Deutschland nur bezogen auf die Gesamtbeschäftigung, nicht aber bezogen auf die Erwerbsbevölkerung gestiegen ist. Denn für viele vormals Arbeitslose und Geringqualifizierte war ein niedrig entlohnter Job die Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt: Heute hat Deutschland so viele Beschäftigte wie nie zuvor und mit 5,4 Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote seit mehr als zwanzig Jahren. Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland beträgt mit etwa acht Prozent nur gut ein Drittel des EU-Durchschnitts. Auch Minijobs und Zeitarbeit haben zur günstigen Arbeitsmarktbilanz beigetragen, denn sie verdrängen keineswegs etablierte Beschäftigte, sondern ergänzen sie.