Agenda 2010 und ihre Folgen Image
Insbesondere Haushalte mit Kindern erhalten durch die Hartz-IV-Leistungen mehr als ohne Reform. Foto: Roman Bodnarchuk/Fotolia

Die größte Änderung durch die Hartz-IV-Reform war wohl auch die umstrittenste: Die Regierung von Gerhard Schröder beschloss, die Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II zusammenzuführen. Dadurch wurden viele Arbeitslosenhilfe-Empfänger schlechter gestellt. Profitiert haben allerdings die Sozialhilfe-Empfänger, denn die Hartz-IV-Regelsätze liegen über denen der Sozialhilfe.

Vergleicht man den heutigen Status quo mit der hypothetischen Situation ohne Hartz IV, zeigt sich, dass die Reform keineswegs nur Verlierer mit sich gebracht hat. Im Gegenteil: Für ganz Deutschland ist der Anteil der Hartz-Gewinner unter den bedürftigen Haushalten sogar größer als der Anteil derjenigen, die durch Sozial- und Arbeitslosenhilfe besser gestellt wären. In Ostdeutschland halten sich die Anteile der Reformgewinner und -verlierer in etwa die Waage, zeigt eine Simulationsanalyse des IW Köln.

Insbesondere Haushalte mit Kindern erhalten durch die Hartz-IV-Leistungen mehr als ohne Reform. Unter den bedürftigen Alleinerziehenden-Haushalten stehen mehr als zwei Drittel heute deutlich besser da, als es in einer fiktiven Situation mit Sozial- und Arbeitslosenhilfe der Fall wäre. Paare ohne Kinder sind hingegen vorwiegend Hartz-IV-Verlierer.

Zudem gibt es aufgrund der höheren Regelsätze viele ALG-II-Empfänger, die im alten System überhaupt keinen Anspruch auf Grundsicherungsleistungen gehabt hätten. Da diese Haushalte im Gegensatz zu den Arbeitslosenhilfe-Empfängern ausschließlich im unteren Einkommensbereich zu finden sind, profitieren insbesondere die ärmsten Teile der Bevölkerung von den Hartz-IV-Regelungen: Von den Hilfebedürftigen erhalten die ärmeren 70 Prozent heute mehr Geld als vor der Reform. Nur die oberen 30 Prozent müssen Einkommenseinbußen hinnehmen – um durchschnittlich 170 Euro.

Gutachten für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

Henry Goecke / Judith Niehues: Verteilungswirkungen der Agenda 2010 – Eine Mikrosimulationsanalyse der Hartz-IV-Reform

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15. März 2017

Interview „Es wäre unfassbar schädlich“Arrow

Als Regierungschef formulierte Gerhard Schröder 2003 die Agenda 2010. Heute wollen die Sozialdemokraten Teile der Reform am liebsten rückgängig machen. IW-Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer erklärt im iwd-Interview, warum damit keinem geholfen wäre. mehr auf iwd.de

14. März 2017

Arbeitsmarkt Die Agenda 2010 – ein Reformpaket im FokusArrow

Heute werden die Reformen, die die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder ab 2003 umsetzte, oft auf „Hartz IV“ reduziert – tatsächlich aber besteht die Agenda 2010 aus einem umfangreichen Reformpaket. Neben den Neuerungen auf dem Arbeitsmarkt und in der Rentenversicherung – von denen das IW Köln die wichtigsten auflistet und bewertet – gab es noch zahlreiche Reformen in der Gesundheits- und der Finanzpolitik. mehr auf iwd.de

Interview, 13. März 2017

Holger Schäfer auf mdr.de „Fehlanreize verfestigen Arbeitslosigkeit”Arrow

Die SPD will mehr Arbeitslosen länger ALG I zahlen. Zugleich plant sie einen Rechtsanspruch auf Qualifizierung. Für ALG-II-Empfänger soll das Schonvermögen verdoppelt werden. Der Wirtschaftswissenschaftler Holger Schäfer von Institut der deutschen Wirtschaft Köln sieht die Pläne kritisch. Er warnt, Alimentierung verfestige Arbeitslosigkeit. Außerdem rechnet er mit höheren Kosten als von der SPD veranschlagt. mehr