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(© Foto: RadekProcyk/iStock)
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Michael Voigtländer in den Ruhr Nachrichten Interview 8. September 2016

"Das bringen Flüchtlinge der Wirtschaft"

Wenn viele Flüchtlinge kommen - was sind die Folgen? Profitiert der Arbeitsmarkt? Wie groß sind die Herausforderungen für den Wohnungsmarkt? Was bedeutet all das ganz konkret für den Kreis Unna und die Region? Ein Interview mit IW-Immobilienökonom Michael Voigtländer in den Ruhr Nachrichten.

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Herr Voigtländer, Sie kommen nach Cappenberg zum IHK-Wirtschaftsgespräch und sprechen dort über die Auswirkungen der Zuwanderung und der demografischen Entwicklung auf Selm und Umgebung. Was beobachten Sie da konkret?

Die demografische Entwicklung hat sich deutlich verändert. Wir hatten im vergangenen Jahr eine Rekordzuwanderung. Im Fokus stand vor allem die Flüchtlingsentwicklung. Wir hatten aber auch eine starke Nettomigration von Arbeitskräften: vor allem Menschen aus Osteuropa kamen zu uns, aber auch aus Spanien und Italien. Die sind in den hiesigen Arbeitsmarkt eingetreten. Es geht darum: Was bedeutet das für eine Region wie Selm für die Wohnungsnachfrage? Wie viele Wohnungen braucht man in Selm, dem Kreis Unna und den Landkreisen ringsum? Und es wird darum gehen, wie die Integration der Flüchtlinge in den hiesigen Markt gelingt.

Wenn man die Flüchtlingssituation diskutiert, dann spielt bei den Bürgern oft das Ungewisse, manchmal auch ein Angstgefühl eine Rolle. Zurecht? Was hat die Situation für Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt?

Da ist die große Frage: Wie bekommen wir die Integration hin? Es gibt mittlerweile einige Daten dazu, wie es um die Qualifikation dieser Menschen bestellt ist. Es ist klar, dass es eine gewisse Zeit dauern wird, aber es gibt auch die positive Erkenntnis, dass Flüchtlinge sich, was das Ausbildungs- und Qualifikationsniveau angeht, schnell anderen Migranten angleichen. Und es kann natürlich für Selm und Umgebung, wo die demografische Entwicklung nicht besonders positiv war in den vergangenen Jahren, eine Chance sein. Gerade für ländliche und strukturschwache Regionen, wo in den vergangenen Jahren viele Arbeitskräfte verloren gegangen sind, kann man neue Arbeitskräfte und Mitarbeiter gewinnen.

Sie sagen "kann": Würden Sie Unternehmern Mut machen, oder ist es noch zu frisch dazu, um Flüchtlinge einzustellen?

Die Barrieren bei Flüchtlingen sind im Moment noch relativ hoch: Erst muss der Asylantrag angenommen werden, es müssen Sprachqualifikationen da sein. Die Erfahrungen zeigen, dass es bisher nicht so schnell ging, wie man es sich erhofft hat. Auch viele Großunternehmen haben Probleme: Einige waren offen, aber haben nun festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist, geeignete Flüchtlinge zu finden. Aber in der Perspektive ergeben sich schon Chancen: Es kann sich etwas Neues aufbauen, wenn neue Menschen dazu kommen und die demografische Entwicklung sich dreht. Das kann funktionieren, gerade wenn es um einfache Tätigkeiten geht, die man bisher nicht besetzen konnte - da gibt es große Chancen.

Aber man spricht doch eigentlich darüber, dass in Deutschland qualifizierter Nachwuchs fehlt, oder?

Das ist ja nicht überall der Fall. Aus ländlichen oder strukturschwachen Regionen sind viele Menschen abgewandert. Wir haben einen Bevölkerungsboom in Berlin, Köln und Düsseldorf, weil viele aus den Landkreisen in diese Städte ziehen. Das bedeutet für eine Region wie das Ruhrgebiet, dass es nun teilweise nicht einfach ist, offene Stellen zu besetzen. Da kann es eine Chance sein, wenn Menschen kommen.

Wenn Sie ein mittelständischer Unternehmer in Selm wären, wie würden Sie sich dann zurzeit verhalten?

Ich würde vor allen Dingen den Kontakt zu den Arbeitsämtern und IHKs suchen, die Angebote, die es gibt, nutzen, die Augen offen halten und gemeinsam überlegen, wen man integrieren kann. Dabei muss man sich über den eigenen Bedarf klar werden und sich überlegen, was man selber beitragen kann: Was kann man an Integration anbieten? Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, über ein Praktikum Chancen zu bieten. Es ist wichtig, aufeinander zuzugehen, offen zu sein und in Ruhe zu überlegen, welche Möglichkeiten sich aus der neuen Situation ergeben.

Ist unsere Bürokratie, die Sie angeschnitten hatten, wirtschaftlich gesehen ein großes Hindernis?

Bürokratie ist sicher ein Problem. Es könnte einiges ein bisschen schneller gehen. Aber es gibt inzwischen einige Programme. Hier im Institut kümmern wir uns sehr um das Thema Integration. Es werden Willkommenslotsen ausgebildet, also Menschen, die sich darauf spezialisieren, zu überlegen: Wie kann man Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren? Es gibt zudem Hilfestellung von der Bundesagentur für Arbeit. Das schwierige ist glaube ich, sich in diesem System zurecht zu finden. Aber wer fragt, wird schlauer. Die IHKs und andere sind da eine gute Anlaufstelle für Unternehmen vor Ort.

Schauen wir uns den Wohnungsmarkt an: Es geht doch darum, Wohnungen zu schaffen, möglicherweise auch geförderten kommunalen Wohnraum. Im Moment ist in Selm ja aber relativ wenig frei. Wie kann man das ändern?

Wenn man sich Selm selber anschaut: Das ist recht klein, es gibt eine Bautätigkeit von etwa 60 Wohnungen im Jahr. Das ist nicht besonders viel. Wenn man den Kreis ein bisschen größer zieht und sich den Landkreis Unna anschaut, dann sieht man, dass man nach aktuellen Entwicklungen 900 Wohnungen bauen müsste. Im Jahr 2014 wurden nach unseren Daten nur 600 Wohnungen gebaut, das sind die aktuellsten Zahlen, die vorliegen. Da ist eine Lücke, die geschlossen werden müsste durch mehr Bautätigkeit. Die klassischen Fragen: Kann man die Orte nachverdichten, in den Zentren also mehr bauen? Oder braucht man ein neues Baugebiet am Ortsrand? Ich denke, da haben der Kreis Unna, Hamm oder zum Beispiel Hagen mehr Möglichkeiten als Köln oder Düsseldorf, diesen Wohnungsmangel zu begleichen. Wichtig ist für die Integration, dass man es schafft, Deutsche und Zuwanderer miteinander zu mischen, damit sich keine neuen Ghettos bilden. Da gibt es in strukturschwachen, eher ländlichen Räumen mehr Möglichkeiten, dass man das auch hinbekommt.

Sind da eher die Kommunen gefragt oder meinen Sie, dass die Immobilienwirtschaft das regeln kann?

Die Kommune entscheidet ja, wo gebaut werden darf. Die Wirtschaft ist die, die investiert. Dort gilt: Das Zinsniveau ist gering, wir haben eine gesunde Entwicklung, die Nachfrage ist da - wirtschaftlich sieht es also gut aus. Es wird ja auch schon viel gebaut. In vielen Städten ist aber das Problem, dass Bauland-Ausweisungen hinterherhinken. Dadurch gibt es oft zu wenige Möglichkeiten für den Bau. Da müssen Politiker und Verwaltungen wach sein, um ausreichend Möglichkeiten zu schaffen.

Schlussstrich drunter, letzte Frage: Würden Sie zurzeit eher den Skeptikern der Zuwanderung Recht geben oder denen, die das Thema mit Hoffnung und Optimismus verbinden?

Naja, ich glaube, es ist wichtig, dass man sich die Fakten klar macht. Ganz privat muss ich sagen, dass es in der Flüchtlingsthematik ein Gebot der Humanität ist, dass man hilft. Wir müssen aber auch damit rechnen, dass einige Menschen in einigen Jahren in ihre Heimat zurückkehren werden. Irgendjemand muss die Länder ja wieder aufbauen, aus denen die Menschen geflohen sind. Es gibt aber zurzeit für ländliche Regionen eigentlich mehr Chancen als Risiken. Wir hatten viele Jahre lang das Problem einer Schrumpfung, und Schrumpfen ist schwierig. Das setzt viele Anpassungsprozesse in Gang. Jetzt gibt es die Möglichkeit zu wachsen. Das kann genutzt werden. Aber es ist wichtig, dass man sich um die Integration kümmert, dass man versucht, die Chancen auch wirklich zu ergreifen und aufeinander zugeht. Wenn man das kontinuierlich macht, können alle davon gewinnen.

Zum Interview auf ruhrnachrichten.de

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