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Michael Hüther im Deutschlandfunk Interview 20. Januar 2014

"Signale des Willkommens setzen"

Einer neuen Studie zufolge profitiert Deutschland von den Zuwanderern aus Rumänien und Bulgarien. Die von der CSU angestoßene Diskussion um Armutszuwanderung sei für Deutschlands Ruf im Ausland nicht förderlich, sagte IW-Direktor Michael Hüther im Deutschlandfunk.

Herr Hüther, Sie haben herausgefunden, dass Deutschland von Zuwanderern aus Rumänien und Bulgarien massiv profitiert. Inwiefern denn?

Wir haben uns angeschaut, wie die Qualifikationsstruktur der Zuwanderer aus diesen Ländern ist, und wir stellen fest, sowohl, wenn man auf den Akademikeranteil schaut als auch auf den Anteil derjenigen, die speziell die technischen Qualifikationen mitbringen, was wir im Fachjargon MINT nennen, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, dann liegt das jeweils deutlich über dem Durchschnitt der Vergleichsgruppe der hier schon Lebenden. Also beispielsweise Akademikeranteil 24,5 Prozent, der in Deutschland Lebenden 18,7. MINT-Anteil 8,4 Prozent, der hier Lebenden 5,7. Insofern ordnet sich dieser Befund für die Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien ein insgesamt in die Feststellung, dass die Zuwanderung seit dem Jahr 2000 den Qualifikationswünschen der deutschen Gesellschaft doch sehr viel eher entspricht.

Sie haben die Zahlen genannt. 25 Prozent der Einwanderer aus Südosteuropa haben einen Uni-Abschluss, in Deutschland nur 19 Prozent knapp. Sind denn diese Akademiker auch vergleichbar qualifiziert wie, sagen wir, Absolventen deutscher Universitäten?

Nun, man wird nicht immer mit der gleichen Elle da messen können, das ist sicherlich so. Auf der anderen Seite haben wir in den letzten Jahrzehnten und von den letzten Jahren auch einen europaweiten Hochschulraum entwickelt, und die Länder, die neu beitreten, müssen sich dem auch anpassen, auch wenn es nicht immer vielleicht ganz das ist, was wir uns vorstellen. Allein aus der Tradition bedingt, aus den Vorentwicklungen, aber es ist dann doch passgenau. Und das zeigt sich vor allen Dingen auch bei den MINT-Qualifikationen.

Das heißt, die Bulgaren und Rumänen könnten die MINT-Fachkräftelücke in Deutschland schließen?

Sicherlich nicht alleine, aber insgesamt ist die Zuwanderung ein wichtiges Instrument, das haben wir uns noch mal auch im Vergleich anderer Instrumente angeschaut. Wenn man den Fachkräftemangel, der sich insbesondere im MINT-Bereich auftut, decken will, dann ist das ein Signal. Wir sehen im Augenblick die Zuwanderung aus Osteuropa, aber auch aus Südeuropa krisenbedingt kommen nach Deutschland. Das wird sich möglicherweise ändern, indem sich dort die wirtschaftlichen Entwicklungen verbessern. Also muss Deutschland auch weit über Europa hinaus schauen, Signale des Willkommens setzen.

Das ist natürlich ein richtiger Punkt, die Willkommenskultur. Wie schädlich war in diesem Zusammenhang die Anti-Rumänen-Kampagne der CSU?

Für dieses Anliegen sicherlich nicht sehr positiv – es überdeckt dann auch etwas, was viel tiefer schon seit Langem fundiert ist. Auch die Bemühungen der Bundesregierung, beispielsweise mit dem Begrüßungsportal "Make it in Germany", das sich an Indien, an Indonesien, sonst wo richtet, wo wir markieren, dass man in sechs Schritten den Weg nach Deutschland finden kann; wo man sehen kann, welche ökonomischen Perspektiven hier in Deutschland sich aus welchen Qualifikationen ableiten lassen. Insofern ist es schon misslich, dass eine solche Debatte das dominiert. Niemand bestreitet, dass es natürlich in jedem Agglomerationsraum auch solche Problemverdichtungen gibt. Das gibt es in Deutschland wie in anderen Großsiedlungsgebieten auch, aber es ist nicht das dominante Thema, und das sollte es auch nicht sein.

Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien, das ist sehr gut für die deutsche Wirtschaft, keine Frage, das hat Ihre Studie festgestellt. Aber fehlen diese Leute dann nicht in den Heimatländern? Wann wird das zum Problem für Rumänien und Bulgarien selbst?

Ein gemeinsamer Wirtschafts- und erst recht ein gemeinsamer Währungsraum lebt von auch freier Mobilität und der Wanderung des, wie wir Ökonomen das nennen, des Faktors Arbeit. Und insofern ist das auch eine Ausgleichssituation. Im Augenblick sind die Möglichkeiten, sich wirtschaftlich erfolgreich zu betätigen hier in Deutschland, größer als dort. Dann ist das auch eine Form des Ausgleichs. Aber natürlich ist richtig, es muss vor Ort gearbeitet werden, insbesondere dann, wenn das Pro-Kopf-Einkommen so deutlich niedriger ist als bei uns. Und das ist natürlich auch die Herausforderung, den Ländern entsprechende Entwicklungsperspektive zu geben. Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union, das hat ja viele Aspekte. Die freie Wanderung heißt aber auch, Kapital kann sich frei bewegen und ist natürlich besser zu investieren in diesen Ländern, als das vorher der Fall war. Aber das ist sozusagen etwas, was parallel laufen muss.

Nun haben wir seit dem 1. Januar die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für Rumänen und Bulgaren. Wie ist da ihre Prognose? Werden jetzt noch mehr Akademiker aus diesen Ländern kommen, oder erhöht sich der Anteil der sogenannten Armutszuwanderer, wie es die CSU befürchtet?

Na ja, so einfach ist das ja mit der Armutswanderung in der Europäischen Union ja auch nicht. Sie müssen eine Krankenversicherung vorweisen, und natürlich gilt, dass sie hier erst mal drei Monate gearbeitet haben müssen, um Hartz-IV zu bekommen, also die Grundsicherung. Insofern ist es wichtig, dass diese Regeln auch klar eingehalten werden. Da darf es auch keinen Zweifel dran geben, aber vor allen Dingen muss parallel gestärkt werden, vor Ort. Die Möglichkeit für Beschäftigung, für wirtschaftliche Tätigkeit auszuweiten, das heißt, politische Stabilität dort, gute Investitionsbedingungen, das ist die eigentliche Botschaft.

Das heißt, es werden eher mehr Akademiker kommen?

Ich wage da im Augenblick keine Prognose, ob das in die eine oder andere Richtung kippt. Bisher wissen wir, dass der Anteil bei den Zuwanderern aus diesen Ländern ebenso sich über dem deutschen Durchschnitt bewegt wie bei allen anderen Zuwanderern auch, seit dem Jahr 2000 sich sukzessive dahin entwickelt hat. Und ich hab keinen Zweifel, dass das so hält, oder keinen Anlass, auszusagen, dass dies dreht in die eine oder andere Richtung. Diese politische Diskussion, die im Augenblick geführt wird, wird natürlich auch in Rumänien und Bulgarien wahrgenommen, und die Frage ist, wie reagiert man dort darauf. Insgesamt ist es einfach schade, dass damit sozusagen etwas in den Vordergrund gerät, was gar nicht der deutschen Situation entspricht.

Das Interview zum Anhören

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