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Michael Hüther im Deutschlandfunk Interview 27. Dezember 2021

IW-Verbandsumfrage: „Lageeinschätzung ist erstaunlich positiv“

Trotz der Corona-Pandemie und der Lieferengpässe blicken viele deutsche Unternehmen zuversichtlich in das kommende Jahr, erklärt IW-Direktor Michael Hüther im Interview mit dem Deutschlandfunk.

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Das Radiointerview wurde wörtlich vom Deutschlandfunk verschriftlicht.

Wir schauen auf das kommende Jahr mit Professor Michael Hüther, Präsident des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Herr Hüther, kann das bei so vielen Fragezeichen nur schiefgehen?

Man müsste es denken, wenn Sie es so aufzählen, wenn man die Lage zum Jahresende nimmt, und wir haben wie immer die 48 Wirtschaftsverbände gefragt, wie ist die Lage in ihren Bereichen, haben das gefragt Ende November, Anfang Dezember. Dann ist das erstaunlich positiv.

Gehen wir mal auf die Lageeinschätzung. Die ist – das ist jetzt nicht für sich genommen herausragend – sehr viel besser als vor einem Jahr. Damals steckten wir in dem Winter-Lockdown. Es war nicht ganz klar, wie geht es weiter. Der Impfstoff war gerade erst vorhanden und man musste sehen, wie man damit umgeht. Aber wir sehen beim Investieren, bei der Beschäftigung, bei der Produktion, dass das Erwartungen sind, die außerordentlich positiv sind, und das kontrastiert zu dem, was Sie sagen.

„Unternehmen erleben immer noch ein Nachholen“

Ich glaube, man muss sehen, die Unternehmen erleben immer noch ein Nachholen. Wir sind auf dem Weg zu dem Vorkrisen-Niveau. Das haben wir noch nicht wieder erreicht. Insofern gehen sie davon aus, dass sich das in diesem Jahr 2022 ergibt.

Zweitens: Sie haben die Lieferengpässe erwähnt. Wir gehen schon davon aus, dass sie sich im Laufe des Jahres – ob das nun zur Jahresmitte oder zum dritten Quartal ist – auch auflösen. Und drittens darf man nicht vergessen: Die Auftragsbestände sind auf einem historischen Höchststand, gerade in der Industrie. Das heißt, es gibt eigentlich kein Nachfrageproblem. All die Probleme, die Sie genannt haben, sind Unsicherheitsphänomene, sind Produktionsphänomene, die auf der Angebotsseite der Volkswirtschaft tragen. Das kann genauso schwerwiegend sein, aber wir haben nicht ein Problem von der Nachfrage her. Das ist, glaube ich, etwas, was diesen Optimismus zunächst trägt.

Sie sagen, das ist erstaunlich positiv, weil Sie auch mehr Zweifel haben als die Unternehmen selbst?

Wenn man die Dinge aufzählt, dann wird man erst mal ganz schummelig zum Jahresende, was da alles an Unsicherheiten ist. Nehmen Sie noch den Konflikt mit Russland um die Ukraine. Hinzu kommt die globale Lage, China, bei dem wir nicht genau wissen, welchen Weg es nun wirklich weitergeht, will es weiter integriert sein, oder will es vor allen Dingen eigene Stärke symbolisieren, will es mit Blick auf 2049, 100 Jahre kommunistischer Machtübernahme in China, Nummer eins sein und egal was bis dahin passiert. Deswegen sind ganz viele Fragezeichen da. Die Weltwirtschaft, die die deutsche Wirtschaft in den letzten drei Jahrzehnten besonders getragen hat, ist zwar immer noch da. Wir sehen das bei den Auftragseingängen der Industrie und sie trägt auch noch. Aber auch da sind die Aussichten nicht so, dass das über den Tag hinausgeht. Insofern sind in der Tat auch viele Wolken am Himmel. Aber gleichzeitig gilt, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen mit ihren Produkten, mit ihren Prozessen ist auf der anderen Seite hoch, und das zeigt sich gerade in solchen Zeiten.

Geht die Inflation über den Tag hinaus?

Die Inflation, wenn wir die Erwartungen fürs nächste Jahr nehmen, auch da, wo alle Prognostiker sich melden, dann liegt die Eurozone bei knapp unter drei Prozent. Das ist zunächst auch nichts, was einen jetzt richtig aus der Kurve wirft. Aber klar ist, wir haben hier ein Problem, das sich von den Lieferengpässen verstetigt hat. Wir haben auch schon verschiedentlich darüber gesprochen. Ich glaube dennoch, dass wir keine wirkliche neue Inflationsdynamik bekommen, weil die Geldpolitik nicht von der Lohnpolitik unter Druck gesetzt wird im kommenden Jahr. Das wird erst zur Jahresmitte mit Verhandlungen ein neues Thema sein. Zunächst einmal werden wir Entspannungen haben. Der Januar hat keinen Basiseffekt Richtung Mehrwertsteuer und CO2-Preise. Die waren ja der verzerrende Effekt am Jahresanfang  21. Ich glaube, hier muss man sehen, die Dinge schwurbeln sich etwas hoch von der Angebotsseite, aber das ist nicht etwas, was zunächst durchträgt. Die Geldpolitik muss natürlich auch signalisieren, dass sie was tun will. Das hat sie bisher eher schwach gemacht. Ich glaube, da wird sie auch kommunikativ nachlegen.

Das ist das große Problem, dass Sie da Erwartungen haben, die nicht erfüllt werden?

Dass sie da vor allen Dingen glaubt, sich ganz zurücknehmen zu können. Die amerikanische Notenbank, die britische Notenbank haben Zinsen schon erhöht. Das wird in diesem Jahr nicht bei der EZB passieren, aber sie wird ihren Kurs ändern. Davon gehe ich schon aus. Sie wird sagen, dass das mit den Aufkaufprogrammen nicht mehr trägt, und sie wird deutlich machen, dass sie ein Auge auf der Inflation hat.

„Wir haben hier vor allen Dingen Logistiksystem-Probleme“

Da hat es in der Weihnachts-Medienberichterstattung viele Berichte gegeben, Analysen, Hintergrundberichte, auch Spekulationen. Christine Lagarde, hieß die These in einigen Analysen, ist da auch politisch motiviert mit Rücksicht auf die südeuropäischen Länder, mit Rücksicht auf den Schuldenstand in Frankreich, in Italien, in Spanien. Ist da was dran?

Natürlich wird nie ausgeblendet, was in anderen Politikfeldern passiert. Genauso wenig wird ausgeblendet, was möglicherweise die Lohnpolitik in Deutschland macht, was ein hohes Gewicht in der Eurozone hätte. Das ist alles auch ein Argument. Aber am Ende wissen wir doch, dass Notenbanker Notenbanker sind. Das heißt, die gucken auf die Geldpolitik, sie nehmen das Ziel der Preisniveau-Stabilität ernst, und wir können nicht feststellen, dass seit Existenz der Europäischen Zentralbank und des Euro hier nicht geliefert worden ist. Wir haben jetzt das erste Mal eine Gefährdungslage, wenn man so will, aber auch damit, glaube ich, kann die EZB umgehen. Nur dass das alles so einfach ist, nur weil sie politisch aus einem französischen Kontext kommt – nein, es muss kommunikativ im Europäischen Zentralbankrat aufgearbeitet werden. Das passiert dort auch. Ich bin eigentlich zuversichtlich, dass auch der neue Bundesbankpräsident dort einen Antritt findet. Ich glaube, am Ende weiß eine Notenbank, was sie tun muss. Sie muss sich um eine Gesamtlage kümmern und im Zentrum steht die Preispolitik.

Aber den meisten ist das jetzt schon zu spät und Sie haben das auch gerade angedeutet, dass endlich was kommen muss und im Grunde schon feststeht, dass 2022 da eine Kursänderung beginnt, was die Anleihekäufe anbetrifft, aber beim Zinsniveau nicht, obwohl die Amerikaner und die Briten das anders machen.

Ja! Nun kann man bei den Schritten der Aufkaufprogramme sagen, das ist schon angekündigt. Das Pandemie-Programm läuft aus. Die Frage ist, ob man danach noch wirklich weiterkaufen muss, um den Bestand noch etwas zu halten. Das halte ich für nicht notwendig. Ich glaube, es wird sich die Kommunikationslage im ersten Quartal ändern. Zinserhöhungen sind aber ein weiter Weg, wenn man aus einer unkonventionellen Entwicklung kommt. Man muss immer sehen, die Amerikaner haben ganz andere Inflationsraten als bei uns und dort ist auch die Erwartung im nächsten Jahr mit über vier Prozent eine, die deutlich höher liegt, und dass die Fed dann solche Signale sendet, ist plausibel. Und in Großbritannien haben wir noch ganz andere Probleme, die sich aus dem Brexit ergeben, aus den in der Breite vorhandenen Lieferengpässen ganz anderer Dynamik noch als bei uns. Insofern muss man auch mal sehen, es sind unterschiedliche Herausforderungen. Aber klar ist, auch der Wechselkurs muss in den Blick genommen werden. Wir haben jetzt eine Abwertung des Euro. Das verteuert. Das führt dazu, dass die Importe entsprechend teurer werden, und auch das muss hier mit gesehen werden in diesem gesamten Entwicklungsfeld.

„Wir haben hier vor allen Dingen Logistiksystem-Probleme“

Ich möchte Sie, Herr Hüther, etwas persönlich fragen. Ich weiß nicht, ob Sie es beantworten können, wollen. Es ist nicht provozierend gemeint, und zwar mit Blick auf China, Konflikte und so weiter, aber mit Blick auf die Lieferengpässe, die Lieferkettenprobleme, die Sie ja auch schon thematisiert haben. Haben Sie ein Weihnachtsgeschenk bekommen oder haben Sie eins gesehen in Ihrer Familie, was nicht in China produziert worden ist?

Nein! – Aber vielleicht hängt das auch daran, dass wir keine kleinen Kinder mehr haben und besondere Elektronik gefordert war. Im Augenblick sagen 80 Prozent der Unternehmen, sie haben da Probleme. Das hat sich auch aufgebaut. Wir haben hier aber vor allen Dingen Logistiksystem-Probleme. Es ist ja nicht so, dass nicht produziert würde, sondern die Dinge kommen einfach nicht aus den Häfen und sie kommen über die Containerschiffe nicht bei uns an. Das ist auch ein Preiseffekt. Die Logistik wird teurer sein. Aber wir haben einfach ein Sortierproblem, weil die Häfen zu sind, weil die Schiffe sich stauen. Das ist genauso an der Westküste in Kalifornien. Das löst sich aber auf. Auch hier kann man davon ausgehen, dass das nicht einfach so bleibt. Auch China hat ein Interesse daran, dass die Dinge exportiert werden. Man will ja über den Exportwert auch entsprechend Einkommen generieren. – Nein, wir hatten keine Probleme.

Wie wäre es denn mit „zurück nach Europa“, was die Produktion anbetrifft?

Das wird sich immer auch neu sortieren. Es gibt auch ganz andere Gründe. Es gibt technische Gründe. Wenn Sie 3D-Druck haben, dann ist das etwas, was überhaupt nicht mehr von den Arbeitskosten her bestimmt ist für den Produktionsstandort. Da sortieren sich die Dinge neu. Das findet auch statt. Wir werden im Augenblick auch eine Übersteigerung sehen, weil Lagerbestände aufgebaut werden, was Unternehmen lange nicht gemacht haben. Sie haben nicht nur die Nachfrage an sich der Konsumenten, sondern auch die Zwischennachfrage der Unternehmen, weil sie versuchen, ein bisschen Polster durch Lagerbestände zu schaffen. Aber auch das wird sich im ersten Halbjahr aussortieren. Deswegen bleibe ich da optimistisch. Solche Logistiksystem-Probleme, die ganz spezifische Ursachen haben, weil ein Hafen zugemacht wird oder weil wir besondere Starkregensituationen und Unwettersituationen haben, die hat es immer gegeben, aber die werden wir auch lösen.

Zum Interview auf  deutschlandfunk.de.

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