IW-Direktor Michael Hüther kommt im Rahmen der Verleihung des Karlspreises an Mario Draghi nach Aachen, um über die Bewährungsprobe Europas zu diskutieren. Im Interview erklärt er, was Deutschland und die EU tun müssen, um im Wettbewerb mit den USA und China zu bestehen.
„Europa muss akzeptieren, dass es vieles allein leisten muss“
Herr Professor Hüther, der Karlspreis 2026 geht an Mario Draghi. Ist das die richtige Entscheidung?
Ja, das ist eine Entscheidung für Europa. Sie erinnert uns daran, dass wir in Europa viel zu tun haben. Viele berufen sich zu Recht auf den Draghi-Report, der sehr schonungslos unsere Rückschritte und Nachteile gegenüber anderen großen Wirtschaftsräumen benennt.
Mario Draghi hat außerdem als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) sehr verantwortungsvoll gehandelt. Insofern ist das für mich eine stimmige, in diese Zeit passende Entscheidung.
Was wiegt für Sie schwerer: Draghis „Whatever it takes“-Moment oder der aktuelle Reform-Report?
Das ist schwer gegeneinander zu wiegen. Das eine war Krisenhandeln in einer Situation, in der die internationalen Kapitalmärkte gegen die Existenz des Euro gewettet haben. Da braucht man Mut. In einer Rede in London so präzise und knapp zu sagen, was nötig ist, war mutig und richtig. Am Ende hat das dazu geführt, dass die Märkte verstanden haben: Die EZB handelt konsistent. Der Draghi-Report dagegen ist beauftragt worden, seine Umsetzung liegt nicht bei ihm. Für die nachhaltige Existenz des Euro ragt die Rede von 2012 aber heraus – sie war so glaubwürdig, dass die EZB nie getestet wurde.
Haben Politik und Öffentlichkeit in Europa die Botschaft des Draghi-Reports verstanden?
Nein. Verstehen heißt ja nicht, nur die Überschrift zu akzeptieren. Es geht darum, in die Tiefe zu gehen. Ich war ehrlich gesagt entsetzt über die erste Reaktion des damaligen Bundesfinanzministers, der sofort ablehnend über Eurobonds sprach. Das kann man so sehen, aber das ist doch nicht die zentrale Antwort auf einen Bericht, der massive strukturelle Herausforderungen beschreibt. Wir müssen Europa schneller machen, Bürokratien überprüfen und vor allem die Technologiesektoren voranbringen, die die Produktivitätslücke zu den USA erklären. Viele reden darüber, aber sie haben nicht in der Tiefe erkannt, was zu tun ist.
Haben Sie Hoffnung, dass die Bundesregierung das noch umsetzt?
Die Bundesregierung tut sich sichtbar schwer. Was wir zuletzt gesehen haben – Tankrabatt oder ähnliche Maßnahmen – ist alles andere als überzeugend. Davon muss man die Finger lassen. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, weil der Druck groß ist. Wir können die Antworten auf geopolitische Herausforderungen nur in und mit Europa geben – ökonomisch, währungspolitisch, sicherheitspolitisch. Aber es bleibt mühsam, weil viele Regierungen geschwächt sind. Macron, die Bundesregierung, auch andere. Deshalb muss man neue Achsen nutzen, etwa mit Polen, Italien oder den skandinavischen Ländern.
Wie steht Deutschland wirtschaftlich in Europa da?
Nicht glänzend. Die Daten zeigen das. Ein Erdölpreisschock, wie wir ihn aktuell erleben, bringt uns schnell wieder in Richtung Rezession. Dazu kommen strukturelle Probleme: zu schwache private Investitionen, zu wenig öffentliche Investitionen, ein Staatshaushalt, der strukturell nicht mehr passt. Europa kommt ohne Deutschland nicht zurecht – auch wegen seiner geografischen Lage. Der Karlspreis in Aachen ist ja genau das Symbol aus der Mitte Europas. Aber dafür müssten wir deutlich mehr an unserer Wettbewerbsfähigkeit arbeiten. Das ist in der Bundesregierung noch nicht wirklich angekommen.
Was muss Europa tun, um im Wettbewerb mit China, den USA und aufstrebenden Ländern zu bestehen?
Europa muss akzeptieren, dass es vieles allein leisten muss. Auf den transatlantischen Partner ist nicht mehr verlässlich zu setzen. Das zeigt sich auch an der erratischen Haltung der USA zur Nato. Wir müssen unsere Verteidigungsfähigkeit stärken – und könnten dabei sogar Geld sparen. In Europa gibt es über 160 Waffensysteme, in den USA weniger als 40. Kooperationen würden helfen. Ökonomisch brauchen wir einen funktionierenden Binnenmarkt, gerade bei Dienstleistungen, digitalem Handel und Energie. Und wir sollten den Euro strategisch weiterdenken.
Sie sprechen den Euro als mögliche Leitwährung an. Wie realistisch ist das?
Das ist kein Projekt von heute auf morgen. Aber das Vertrauen in den Dollar nimmt ab. Die USA schwächen ihn selbst. Wer kann diese Rolle übernehmen? Eigentlich nur der Euro. Wenn wir den Euro als Leitwährung positionieren, wäre das ein strategisches Projekt – ähnlich wie die gemeinsame Währung unter Helmut Kohl und François Mitterrand. Dafür braucht es Voraussetzungen: eine global orientierte Geldpolitik, Liquiditätsbereitstellung über den Euroraum hinaus, moderne Infrastruktur wie einen digitalen Euro. Das ist ambitioniert, aber nicht unrealistisch.
Ist das eine Erzählung, mit der man Menschen erreicht?
Die Frage ist doch: Wäre unser Leben ohne die Europäische Union besser? Sicher nicht. Reisen, wirtschaftliche Verflechtung, regionale Zusammenarbeit – vieles ist gelungen. Und das zentrale Versprechen Europas, keine Kriege mehr auf diesem Kontinent, ist weitgehend eingelöst worden. Man kann Europa auch über seine Wirtschaftsgeschichte erklären.
Sie haben einmal gesagt, Europa-Euphoriker seien eine Gefahr. Warum?
Ich halte nichts von der ständigen Forderung nach den „Vereinigten Staaten von Europa“. Dafür gibt es zu viele nationale Identitäten. Europa ist Vielfalt und Kooperation. Sinnvoller ist, konkrete Themen anzugehen: Währungsunion, Schengen, Energiebinnenmarkt, Verteidigung. Das sind funktionale Integrationen, die den Menschen konkret nützen. Große Worte ohne Umsetzung bringen nichts – das haben die letzten Bundesregierungen gezeigt.
Zum Schluss: Wie ist Ihr Ausblick für Deutschland?
Wir kommen aus Krisen immer wieder heraus, aber diesmal ist es besonders mühsam. Politik wird derzeit unter der Annahme gemacht, man könne den Menschen die Wahrheit nicht zumuten. Das halte ich für falsch. Ein Tankrabatt löst kein strukturelles Problem. Wenn der Ölpreis steigt, werden wir ärmer – das kann man erklären. Gezielte Hilfe für einkommensschwache Haushalte ist möglich, aber nicht pauschale Subventionen. Deutschland hat weiterhin Stärken: ein gutes Innovationssystem, exzellente Hochschulen, hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung, steigende Direktinvestitionen. Aber die Politik hat den Faden verloren – und das spüren die Menschen.
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