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Interview 29. Juli 2026 Michael Hüther im Wirtschaftsmagazin für Köln und die Region

Das IW feiert 75. Jubiläum!

Im Interview mit DIE WIRTSCHAFT gewährt IW-Direktor Michael Hüther zum 75. Jubiläum vielfältige Einblicke in das Leben und den Atem des Instituts.

Herzlichen Glückwunsch zum 75. Jubiläum! Es ist sicherlich großartig, eine solche Zeit als Direktor des Instituts zu erleben.

Es ist grundsätzlich jeden Tag eine bereichernde Herausforderung, IW-Direktor zu sein. Denn basierend auf den theoretischen Einsichten und empirischen Befunden der Volkswirtschaftslehre geht es immer darum, relevante Ergebnisse – im Sinne einer Problemlösung – gegenüber der Öffentlichkeit und der Politik zu vertreten, zu erklären und einzuordnen. Alles, was auf Wachstum und Wohlstand unseres Landes in und für Europa einzahlt. Man ist in dieser Verantwortung nie thematisch und methodisch beschränkt, daraus folgt: Man kann jederzeit auf der Höhe der Möglichkeiten des eigenen Faches sein. Das aber setzt voraus, dass man die eigene Disziplin nie als Glasperlenspiel versteht und dass man stets klar die Trennlinie zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und wirtschaftspolitischer Wertung markiert und erläutert. Die bewusste Kommunikationsleistung als integraler Bestandteil unserer Arbeit als Wissenschaftler ist im Institut bereits mit der Gründung verankert worden. Seinerzeit wurde deshalb gleich ein Verlag mitgegründet, aus dem über die Jahrzehnte die IW Medien als Agentur für moderne Kommunikation geworden ist. Natürlich ist der 75. Geburtstag eine herausragende Wegmarke. Und es ist besonders motivierend, gebündelt aus diesem Anlass so viel Zuspruch und Anerkennung für das gesamte Institut – für alle MitarbeiterInnen – zu erfahren. Wir haben deshalb auch eine große Party für die gesamte IW-Familie in der Wolkenburg gefeiert: Mitarbeiter, Mitglieder und Partner. Dass der Princeton-Historiker Harold James die Festrede gehalten hat, war für uns eine besondere Ehre. Gefreut haben wir uns natürlich auch über das Grußwort des Ministerpräsidenten sowie die persönlich überbrachten Gluckwünsche unseres Oberbürgermeisters.

Sie leiten das IW schon seit über zwei Jahrzehnten. Auf welche Erfolge sind Sie besonders stolz?

Ich werte als Erfolg, dass wir bei allen kurzfristigen Schwankungen in der Reputation, bei der Ressourcenentwicklung und der Resonanz einen im Trend stetigen Aufwärtsprozess hingelegt haben. Die KollegInnen zeigen jeden Tag, dass sie die vorhandenen großen Freiräume mit Engagement und Einfallsreichtum zu nutzen wissen. Jenseits der Verpflichtung auf die soziale Marktwirtschaft und damit – für uns untrennbar verbunden – auf die repräsentative Demokratie wird die Arbeit nur dadurch bedingt, dass sie relevante Ergebnisse zur Losung realer Probleme erbringt. Das motiviert und macht Spaß, weil es Innovation, Einfallsreichtum und gedankliche Grenzüberschreitungen prämiert.

Aber natürlich lassen sich viele Themen, Projekte und Studien nennen, die besonders wirksam waren und uns selbst auch enorm weitergebracht haben. Beispielhaft dafür sei genannt die Studie ,Vision Deutschland‘ aus dem Jahr 2005, die basierend auf wachstumstheoretischen Überlegungen eine Wirtschaftspolitik für nachhaltiges Wachstum skizzierte und außerordentlich viel Resonanz und Beachtung in der Politik erfahren hat. Thematisch haben wir neue Themen und Methoden erschlossen – Immobilienökonomik, Patentanalysen, Regionaluntersuchungen, mikrodatenbasierte Verteilungsanalysen, Big Data Analytics und anderes mehr. Weiterentwickelt wurden wirtschaftsethische Betrachtungen bis zur Zivilgesellschaftsforschung, jüngst haben wir mit Blick auf die ökonomisch bedeutsamen gesellschaftlichen Verwerfungen die Gesellschaftsforschung etabliert. IWler sind gerne in Sachverständigenkommissionen gesehen, auf Bundes- wie auf Landesebene.

Wenn Sie eine Zeitreise in die frühere Vergangenheit des Instituts machen könnten, welche Zeitpunkte würden Sie sich dann gerne anschauen?

Ich wurde gerne mal in die ersten Monate reinschnuppern, um zu erleben, wie man ein völlig unbestelltes Feld entwickelt hat. Denn wenn der Start nicht klappt, kann ein solches Projekt schnell scheitern. Spannend wäre zudem das Jahr 1957, in dem das Institut zwei zentrale Gesetze der jungen Republik begleiten konnte, zumal der erste Direktor, Fritz Hellwig, in der Zeit Mitglied des Deutschen Bundestages und Vorsitzender des Wirtschaftspolitischen Ausschusses war: das Bundesbankgesetz zur Schaffung des neuen, einstufigen Zentralbanksystems und das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen, das die aktive Wettbewerbspolitik – heute neben Kartellverbot, Missbrauchsaufsicht, Fusionskontrolle und Entflechtungsoption – zu einem Kern unserer Wirtschaftsordnung machte. In beiden Fällen gab es große Konflikte im Parlament, aber auch in der Wirtschaft und zwischen dieser sowie der Regierung.

Wie hat sich das IW im Wandel der Zeit aus Ihren Augen entwickelt?

Die methodischen Vertiefungen und die Nutzung neuer Methoden der Datenanalyse haben zusammen mit den beispielhaft genannten neuen Themen dazu geführt, dass wir heute ganz andere Kunden haben, die uns beauftragen: Neben den zu vermutenden Fachministerien für Finanzen, Wirtschaft und Soziales sind es das Familienministerium und das Umweltministerium sowie das Auswärtige Amt, die EU-Kommission. Zugleich hat sich das Netz der Partnerinstitutionen enorm erweitert. Neben den Leibniz-Instituten oder auch Beratungen seien beispielsweise hier in Köln das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, in Bonn das German Institute of Development and Sustainability (IDOS) und das Institut für Mittelstandsforschung genannt. Unser Europafokus hat seit der Etablierung eines Brüsseler Büros vor gut zehn Jahren eine neue institutionelle Basis, aus EU-Sicht sind wir damit eine Brüsseler Institution.

Wie äußern sich sowohl dieses erweiterte Netzwerk als auch die Erweiterung der Büros nach Brüssel und Berlin in Ihrer täglichen Arbeit? Wie im Institut insgesamt?

Die beiden Büros des IW in Berlin und Brüssel sind aus unserer Arbeit nicht mehr wegzudenken. In Berlin haben wir schon im November 1990 begonnen. Damals ging es vordringlich um die Beobachtung der wirtschaftlichen Entwicklung in den neuen Bundesländern, um dem Aufholprozess in seinen Verästelungen nach Branchen und Regionen zeitnah auf die Spur zu kommen. Dazu etablierten wir sogar eine gesonderte Unternehmensbefragung. Die Aufgabe hat sich gewandelt, als die Bundesregierung nach Berlin zog. Seitdem geht es darum, den politischen Debatten in der Hauptstadt nahe zu sein, drängende Fragen frühzeitig aufzugreifen und interessante Lösungsvorschlage direkt platzieren zu können. Dafür haben wir thematisch relevante Forschungsthemen personell im Berliner Büro platziert, wodurch wir sehr viel flexibler und schneller auf die Berliner Themen eingehen können. Erstaunlich ist, dass kein anderes Forschungsinstitut neben seinem Stammsitz in den beiden Hauptstädten präsent ist. Das Brüsseler Büro hat dazu geführt, dass wir in allen thematischen Zusammenhängen prüfen, ob und inwieweit die EU dabei eine Rolle spielt – die Antwort lautet meist: ja und kräftig. Ein bisschen spiegelt sich darin eine europäische Perspektive, die bereits Fritz Hellwig etabliert hat: Nach seiner Tätigkeit im Institut wurde er Ende 1959 Mitglied der Hohen Montanbehörde und 1967 als Vizepräsident Mitglied der ersten Kommission der Europäischen Gemeinschaften. Diesem europäischen Erbe fühlen wir uns verpflichtet.

Wohin geht die Reise des IW in der Zukunft? Gibt es baldige Neuerungen, auf die wir uns schon freuen können?

Neben dem steten Ringen, in bekannten Themenfeldern und etablierten Methoden weiterzukommen, will ich das Ziel nennen, bis zum Jahr 2028 aus dem IW eine KI-gestützte, wenn nicht sogar -geprägte Wissensorganisation gemacht zu haben. Wir fuhren zur Jahresmitte IW-weit eine Software-Plattform für die systematische und regelkonforme Nutzung in der EU gehosteter Large Language Models ein. Die Arbeitsorganisation des Instituts wird durch die agentische KI grundlegend verändert. Die Sicherung der Qualität – always a human in the lead / in the loop – muss transparent und verlässlich erfolgen. Dann lassen sich die Effizienzversprechen einlösen.

Welche Ziele verfolgt das IW konkret mit diesen Plänen? Wie sieht das IW der Zukunft damit konkret, etwa im Tagesgeschäft, aus?

Wir versprechen uns von der institutsweiten Einführung dieser KI-Plattform eine systematische, d. h. nicht mehr zufällige, vom Interesse des einzelnen Mitarbeiters abhängige Nutzung der KI. Nun sind die Führungskräfte besonders gefordert, dies mit Unterstützung unseres neu eingerichteten KI-Managements zu implementieren: Neben dem KI-Manager gibt es KI-Lotsen als Begleiter des E-Learnings in den praktischen Alltag, Editoren für das Monitoring der Agenten, aber auch für das Sammeln von Best Practices sowie IT-Koordinatoren für die Klärung der technischen Bedarfe. Dadurch ist keiner allein unterwegs, wir lernen – nach Absolvierung der E-Learning-Angebote – gemeinsam im Alltag. Wir können Wissen anders generieren, wenn wir uns mit den KI-Ergebnissen intensiv auseinandersetzen; Naivität ist dabei fehl am Platz. So werden wir besser, schneller und verlässlicher. Entscheidend dafür ist, dass wir als Menschen die Glaubwürdigkeit herstellen.

Vor welchen Herausforderungen steht auch das IW im Angesicht der Umbrüche in Europa und der Welt?

Ökonomie kann nicht mehr isoliert gedacht werden, wie in den Zeiten unbestrittener Globalisierung von 1990 bis 2008/09, zur globalen Finanzkrise. Zum einen sind geopolitische Herausforderungen und Veränderungen zu verstehen und als ökonomisches Thema einzuordnen. Das tun wir seit geraumer Zeit im IW durch entsprechende Studien, z. B. zum China-Schock 2.0 für das Auswärtige Amt. Zum anderen sind die gesellschaftlichen Spannungen ernst zu nehmen, die sich mit Aufkommen antipluralistischer Kräfte und der Gefahr irriger Autarkievorstellungen verbinden. Die IW Gesellschaftsforschung gGmbH ist dafür gegründet worden. Die Studie ,Geographien der Unzufriedenheit‘ steht für diesen Forschungsschwerpunkt, die große Resonanz bestätigt die Bedeutung des Themas für uns.

Können Sie bitte die Ergebnisse der Studie erläutern und etwas einordnen?

In der Studie ,Geographien der Unzufriedenheit‘ wurden erstmals überhaupt für 10.941 Gemeinden die aktuelle und umfassende Datenbasis zu den Versorgungslagen mit einer geokodierten Personenbefragung verknüpft. Das bedeutet: Harte Fakten für 17, teilweise mit Webscraping erhobene Indikatoren zu Digitalisierung, Gesundheit, Mobilität, Freizeit und Bildung wurden mit den Einschätzungen darüber bei betroffenen Bürgern so verknüpft, dass sich der wechselseitige Wirkungsmechanismus zwischen der lokalen Daseinsvorsorge und der voranschreitenden politischen Entfremdung genauer analysieren lasst. Konkret wird untersucht, inwiefern objektive Mangel in der lokalen Daseinsvorsorge subjektiv wahrgenommen und als Ausdruck von Staatsversagen interpretiert werden. Solche Bewertungen triggern die Entfremdung vom politischen System und von seinen Akteuren.

Tatsächlich sind in Deutschland gut 53 Prozent der Menschen mit der Daseinsvorsorge im eigenen Umfeld zufrieden. In urbanen Umfeldern ist die Zufriedenheit mit gut 55 Prozent großer als im ländlichen Raum mit 45,1 Prozent. Deutlich wirkt sich die parteipolitische Präferenz aus. Allein in der AfD-Anhängerschaft überwiegt der Anteil der in dieser Beziehung Unzufriedenen den der Zufriedenen, und zwar unabhängig vom konkreten Lebensumfeld und den von soziodemografischen Merkmalen. Das ist politisch sehr bedeutsam. Denn soll die lokale Daseinsvorsorge gegen die voranschreitende politische Entfremdung genutzt werden, reicht eine Ausweitung oder Verbesserung der Angebote allein nicht aus. Es kommt darauf an, wie Leistungen wahrgenommen, kommuniziert und in bestehende Deutungsmuster und Vorurteile eingeordnet werden. Dabei erweist es sich als besonders wichtig, dass der demokratische Konsens über die notwendige Politik zur Sicherung der lokalen Grundlagen unseres Wohlstands weit greift. In Köln hat sich in diesem Sinne die überwiegende Mehrheit im Rat der Stadt hinter die Studie ,Starke Wirtschaft. Starkes Köln‘ gestellt, die die IW Consult – unsere 1998 gegründete Tochter für marktnahe Studien in Bezug auf Branchen, Städte und Regionen – im Auftrag der Stadtwerke Köln, KoelnBusiness, Arbeitgeber Köln, Atlas Copco, Leybold und igus erstellt hat. Im vergangenen September wurden die Empfehlungen der Studie übernommen und zur Umsetzung derer die Taskforce ,Industrie‘ beschlossen. Das bietet die Basis für eine breite Verankerung und Vermittlung dieser Politik in der Bevölkerung.

Was wünschen Sie sich aktuell von der deutschen Politik?

Es wäre viel gewonnen, wenn die Politik sich nicht in Überschriften (,Herbst der Reformen‘) erginge, sondern eine Erzählung anbietet, die das Erringen neuer Chancen trotz widriger Umstände in den Mittelpunkt rückt. Dazu gehört auch, auf eine Politik der Irrlichter – wie der Tankrabatt oder die Umsetzung der Entgelttransparenzrichtlinie – zu verzichten. Ingeborg Bachmann hat einem Vortrag den schönen Titel gegeben: ,Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.‘ Das wäre auch eine wünschenswerte Orientierung für die deutsche Wirtschaftspolitik.

Wie könnten und sollten diese neuen Chancen aussehen? Was empfehlen Sie der Politik für die Umsetzung?

Neue Chancen beginnen mit einer ehrlichen Analyse der Lage. Und die ist nicht rosig, aber gleichwohl nicht chancenlos. Eine Politik, die sich daran orientiert, nennt offen und ehrlich die Herausforderungen, die sich aus der demografischen Alterung, der schwindenden Kraft unseres exportorientierten Geschäftsmodells, den geopolitischen Risiken, der notwendigen Dekarbonisierung, der Energiewende und der digitalen Transformation ergeben. Die Unternehmen fassen unverändert kein Zutrauen in den Standort. Um das zu ändern, müssen die steuerlichen Bedingungen verbessert – wie Superabschreibung als Investitionsprämie, Senkung der Unternehmenssteuern –, die Netzkosten im Industriestrompreis gesenkt, die Flexibilität im Arbeitseinsatz erhöht sowie die Dynamik bei den Kosten der Arbeit – Reform der Sozialversicherung – begrenzt werden. Die Regierung kommt voran mit der Gesundheitsreform und mit der Rentenreform, wir haben Hoffnung auf eine Steuerreform. Doch: Es fehlt die überzeugende Erzählung dazu. Wir reformieren nicht um der Reformen willen, sondern für neue Chancen in unserem Land. Burger gewinnt man nicht durch Ermahnung oder Schelte, sondern durch gute Argumente. Und die liegen auf dem Tisch. In einer alternden Gesellschaft beispielsweise sind die Handlungsoptionen klar, aber künftig mehr und mit flexibleren Mustern zu arbeiten, ist eine Zumutung, wenn man die Alternative – weniger Wohlstand – übersieht. Das am 2. Juli von der Koalition vorgelegte ,Programm für Aufschwung und Beschäftigung‘ folgt erfreulicherweise genau diesen Überlegungen. Das Mindset beginnt sich zu drehen.“

Was müssen künftige Generationen an Wirtschaftsexperten mitbringen, wenn sie beim IW mitwirken möchten?

Leidenschaft zum Andersdenken, Freude am diskursiven Miteinander, ambitionierte Ansprüche an die Qualität und Relevanz der eigenen Arbeit.

Zum Interview auf www.diewirtschaft-koeln.de

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