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Michael Grömling in der Südwest Presse Interview 17. November 2015

"Keine spürbaren Effekte"

Terroranschläge können sich auf die Wirtschaft negativ auswirken. Aber im Grunde verstärken sie nur das, was sich ohnehin schon an Prozessen abzeichnet, sagt IW-Konjunkturexperte Michael Grömling. Im Interview mit der Südwest Presse beantwortet er Fragen über volkswirtschaftliche Konsequenzen der Angriffe und Terroranschläge.

Herr Professor Grömling, wird das IW Köln aufgrund der Anschläge in Paris die Konjunkturprognose korrigieren?

Vorerst nicht. Wir haben nächsten Montag die Pressekonferenz zu unserer Konjunkturprognose, und derzeit gibt es keinen Grund, die Prognose für Deutschland zu korrigieren.

Sie erwarten keine unmittelbaren Auswirkungen auf Deutschland?

Die Unsicherheit steigt zwar, und sicherlich erhöhen sich auch die Kosten für die Unternehmen, beispielsweise durch die vermehrten Grenzkontrollen. Aber wir erwarten keine spürbaren gesamtwirtschaftlichen Effekte.

Lassen Sie uns zurückblicken auf das, was sich nach den Anschlägen im September 2001 in der US-Wirtschaft getan hat. Die hat einen großen Einbruch erlitten.

Es gab einen großen Schaden, das stimmt. Aber ich kann die Ursachen dafür nicht auf dieses Ereignis reduzieren. Damals kamen mehrere Faktoren zusammen. Die US-Wirtschaft, aber insgesamt auch die Weltwirtschaft hatte schon vor den Anschlägen erheblich an Tempo verloren, sie war schon im Rückwärtsgang.

Welche Faktoren waren das?

Dazu zählten das Platzen der New-Economy-Blase an der Börse, ausgelöst durch vorhergehende Übertreibungen und Bilanzierungsskandale bei einigen Unternehmen, die nicht existente Gewinne ausgewiesen haben, und so ihre Kurse künstlich aufgebläht hatten. Diese Dynamik wurde durch die Terroranschläge zusätzlich beschleunigt. Zudem gab es nach einer Dekade niedriger Ölpreise in den Jahren 2000 und 2001 das erste Mal wieder einen großen Ölpreisanstieg. In solch einer Situation wirkt natürlich jede zunehmende Verunsicherung beschleunigend.

Wenn man das jetzt auf die Terroranschläge in Paris dreht und auf die Wirtschaft in Europa, dann verheißt das doch nichts Gutes. Etliche Länder haben schon Probleme.

Wir beginnen in Europa bereits mit dem Blick auf die Flüchtlingsströme damit, die Grenzen wieder hochzuziehen. Wir befinden uns in einer Phase, in der wieder Entwicklungen im Gange sind, die wir - und damit meine ich meine Generation - als historisch abgeschlossen betrachtet hatten.

Was bedeutet das Grenzzaundenken aus wirtschaftlicher Sicht?

Die vier Grundfreiheiten für Waren, Dienstleistungen, Kapital und Menschen innerhalb der Europäischen Union werden in Frage gestellt. Das sind alles Pfeiler, die einen gemeinsamen Binnenmarkt tragen und zu einem höheren Wohlstand aller Beteiligten führen sollen. Dieses Denken in Grenzen läuft teilweise schon seit Wochen, und jetzt kommt dieses Ereignis in Paris noch dazu.

Diese Entwicklung könnte der Wirtschaft schaden?

Diese Einschränkungen der Grundfreiheiten sind jedenfalls nicht gut für die Unternehmen, die heute mehr und mehr auf den internationalen Handel ausgerichtet sind. Ich denke aber, dass die Verantwortlichen in Europa die ökonomischen Schäden, die aus all den politischen Maßnahmen entstehen könnten, auch sehen. Die großen Länder Europas werden schnell erkennen, dass es eine ökonomische Abwärtsspirale geben kann. Das schwächt am Ende alle und spielt den Terroristen in die Arme.

Was wären die härtesten Einschnitte mit Blick auf die Wirtschaft? Die Sicherheitskontrollen im Warenverkehr, wie sie im Russland-Embargo an der Tagesordnung sind - sehr zum Leidwesen der Unternehmen?

Das wäre in der Tat ein ernstes Problem. Ich glaube aber nicht, dass es soweit kommen wird. Wir haben eine supranationale Organisation, und das ist die EU. Sie trägt letztlich auch Sorge dafür, die Grundfreiheiten in Europa zu gewährleisten. Die EU weiß, wie wichtig eine stabile Wirtschaft für eine stabile Gesellschaft ist. Aber nochmal, ich glaube, dass die Politiker die ökonomischen Folgen all ihrer Maßnahmen im Blick behalten und kein Interesse daran haben, dass dadurch letztlich jeder geschwächt wird. Ziel ist ein Schulterschluss und gemeinsame Stärke.

Am Montag sagte ein Experte, dass die Börsen vermutlich nicht groß reagieren werden, weil die Möglichkeit von Terroranschlägen bereits eingespeist wären, wie es im Börsendeutsch heißt. Das klingt zynisch, teilen Sie die Hypothese?

Nein, ich würde das auch anders formulieren. Ein kluger Geist, der Unternehmen an der Börse heute bewertet, wird sich fragen, ob tatsächlich durch die aktuellen Anschläge Unternehmensprozesse und Geschäftsmodelle nachhaltig geschädigt werden. Und das sehe ich nicht. Daher gibt es keinen Korrekturbedarf an den Börsen.

Nun gibt es aber Branchen, von denen man doch erwarten kann, dass sie unter den Terroranschlägen und der daraus entstehenden Verunsicherung leiden werden.

Die Zurückhaltung der Kunden aufgrund der Verunsicherung mag die Tourismusbranche und die damit verbundenen Unternehmen treffen. Über die Größenordnungen lässt sich allenfalls spekulieren.

Zum Interview auf swp.de

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