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Hagen Lesch auf www.WDR.de Interview 18. März 2011

"Großgewerkschaften unter Druck"

Die Dienstleistungsgewerkschaft ist nun zehn Jahre alt. Doch seit ihrer Gründung sinkt die Zahl der Mitglieder. Gewerkschaftsexperte Hagen Lesch erklärt, woran das liegt und warum gerade die Wirtschaftskrise den Gewerkschaften geholfen hat.

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Welche Bedeutung hat eine Großgewerkschaft wie Verdi heute, wo einzelne Berufsgewerkschaften wie die Gewerkschaft der Lokführer (GdL), mit Streiks das ganze Land in Atem halten?

Im Vergleich zu einzelnen Spezialgewerkschaften wie der GdL besteht die Macht von Verdi aus der Mitgliederzahl und aus den vielen Branchen, in denen Verdi die branchenweiten Tarife verhandelt. Klar ist aber: Überall dort, wo Berufsgewerkschaften bessere Tarifverträge durchsetzen, geraten große Gewerkschaften wie Verdi unter Druck. Momentan sind aber noch etwa drei Viertel der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer in Deutschland Mitglied in größeren Branchengewerkschaften wie Verdi.

Welche Nachteile hat es, wenn eine Gewerkschaft für so viele unterschiedliche Berufsgruppen steht wie Verdi?

Ich befürchte, dass Verdi einfach die optimale Größe überschritten hat. Das Problem bei der Vertretung so vieler unterschiedlicher Berufsgruppen ist, dass die Identifikation mit der Gewerkschaft insgesamt abnimmt. Verdi leidet schon seit der Gründung vor zehn Jahren an Mitgliederschwund. Im Dienstleistungsbereich, in dem Verdi dominant ist, hat es die Organisation ohnehin schwerer als beispielsweise die IG Metall in der Industrie, weil im Dienstleistungssektor eine kleinteilige Unternehmensstruktur herrscht und man als Gewerkschaft nicht so gut in die Betriebe reinkommt wie beispielsweise in der Industrie mit einer hohen Anzahl von Großbetrieben. Die Neigung, überhaupt in eine Gewerkschaft einzutreten, ist im Dienstleistungsbereich ohnehin nicht so hoch wie etwa in der Stahlindustrie.

In Krisenfällen hat Verdi immer wieder versucht, eine bestimmende Rolle einzunehmen und Arbeitsplätze zu erhalten. Hat das Verdi in der öffentlichen Wahrnehmung geholfen?

Das Thema Beschäftigungssicherung und das Aushandeln von Sozialplänen in solchen Krisenfällen wie Arcandor oder WestLB sind für die Gewerkschaft ganz wichtig. Beschäftigungssicherung oder höhere Abfindungen sind Erfolge, die Verdi allerdings stärker herausstellen sollte. Gewerkschaften verfolgen ja in erster Linie das Ziel der Lohnerhöhung. Weil das aber häufig im Konflikt zur Beschäftigungssicherung steht, geht die Gewerkschaft bei ihren Lohnforderungen Kompromisse ein, vor allem in der letzten Krise.

Dabei eröffnet sich eine Chance für Verdi, indem ihre Funktionäre sagen: Wir haben zwar keine höheren Löhne rausgeholt, aber dafür Arbeitsplätze gesichert. Die Krise hat Verdi und den Gewerkschaften in der öffentlichen Wahrnehmung aber ohnehin geholfen, weil ihre Kritik am ungezügelten Marktkapitalismus durch den drohenden Bankenkollaps ja quasi bestätigt wurde. Gewerkschaften werden nicht mehr nur als ideologische Umverteilungsorganisationen wahrgenommen, sondern verstärkt als wichtige Sozialpartner, gerade auch bei solchen Themen wie Kurzarbeit.

Aber dennoch treten nicht mehr Menschen in die Gewerkschaft ein?

Nicht unbedingt, das ist das Problem. Oft ist es so, dass der Einzelne denkt: Eine Gewerkschaft wie Verdi ist gut und wir brauchen sie auch auf jeden Fall, aber sie muss ja nicht unbedingt in meinem Betrieb sein und ich muss nicht unbedingt selbst eintreten und dafür zahlen.

Was kann Verdi gegen den Mitgliederschwund tun?

Verdi müsste weitere wirkungsvolle Kampagnen wie die Mindestlohnkampagne fahren. Außerdem muss sie den Arbeitnehmern klar machen, dass gute Tarifverträge nur durchsetzbar sind, wo eine Gewerkschaft genügend Mitglieder hat. Dazu gehört auch, sich von der gewohnten Kampfrhetorik zu verabschieden und sich stärker an den Bedürfnissen einzelner Berufsgruppen zu orientieren. Insgesamt glaube ich allerdings nicht, dass die Mitgliedererosion ungebremst weitergeht. Ich denke die Zahl wird sich in den kommenden Jahren stabilisieren.

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