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IW-Ökonom Christian Rusche
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Christian Rusche im Merkur Interview 6. August 2022

Taiwan-Konflikt: Wirtschaft droht nächste Lieferkrise

Taiwan spielt eine große Rolle für die Weltwirtschaft, vor allem bei Mikrochips. Ein Ausfall träfe deutsche Auto- und Maschinenbauer hart, erklärt IW-Ökonom Christian Rusche im Interview mit Merkur.

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Deutschlands Wirtschaft fürchtet bei einer weiteren Eskalation des Taiwan-Konflikts eine Verschärfung der ohnehin schon bestehenden Halbleiterkrise. Die Lieferketten, die durch die Corona-Pandemie gerissen waren, sind noch nicht wieder intakt, da droht mit Taiwan der Ausfall des größten Chip-Produzenten der Welt. TSMC und UMC heißen die taiwanesischen Konzerne, die die weltweit größten Auftragsfertiger sind.

Taiwan ist der mit Abstand größte Produzent von Mikrochips. Was wären die wirtschaftlichen Folgen, wenn dieser Lieferant ausfallen würde?

Taiwan spielt eine große Rolle für die Weltwirtschaft in mehreren Bereichen, vor allem bei Mikrochips. Diese Bauteile sind mittlerweile fast in jedem Gerät – vom Smartphone bis zum Auto. Wenn sie ausfallen oder nur noch exklusiv an chinesische Abnehmer geliefert würden – was ja auch denkbar ist – dann haben wir in vielen Bereichen ein Problem.

Welche Wirtschaftszweige wären besonders betroffen?

In Deutschland vor allem der Fahrzeugbau. Wie sich das auswirkt, kann man zum Beispiel beim Volkswagen-Konzern sehen, der nach den Lieferkettenproblemen infolge der Pandemie bis heute das Produktionsniveau der Vor-Corona-Zeit nicht wieder erreicht hat. Auch den Maschinenbau würde es schwer treffen. Die Branche hat heute schon – ebenfalls als Folge der Pandemie – Aufträge, die in den nächsten eineinhalb Jahren nicht abgearbeitet werden können. Das ist die Angebotsseite. Auf der Nachfragerseite geht es vor allem um Elektrotechnik, Haushaltstechnik und Unterhaltungselektronik. Vom Smartphone über die Waschmaschine bis zur Spielkonsole wäre alles betroffen.

Wie schätzen Sie die Größenordnung des Problems ein – verglichen mit den Lieferkettenstörungen durch die Pandemie?

Der Ausfall Taiwans als Chiplieferant allein hätte schon gravierende Folgen. Schließlich stammt ein Drittel der weltweit produzierten Mikrochips von dort. Das Problem ist aber größer. Infolge der Taiwan-Krise könnten auch die Lieferbeziehungen zu China in Gefahr geraten. Außerdem könnte China im südchinesischen Meer die Handelsbeziehungen des Westens zu Südkorea oder Japan stören. Das wäre eine große Gefahr für die deutsche Wirtschaft.

Manche sprechen schon von einem drohenden Kollaps der Weltwirtschaft. Übertrieben?

Ich gehe nicht vom Schlimmsten aus. Aber China hat in seinen Handelsbeziehungen mit allen Ländern einen Exportüberschuss. Viele Länder verlassen sich auf die Produktion von China. Wenn die ausfällt, kann man das nicht ersetzen, jedenfalls nicht kurzfristig. Das haben wir gesehen, als vergangenes Jahr das Containerschiff im Suezkanal festhing. Also: Das hätte schon sehr gravierende Konsequenzen.

Welches Szenario halten Sie für wahrscheinlich?

Denkbar ist vieles. Von der Sperrung von Handelswegen über das Meer oder im Luftraum bis hin zur Intervention in Taiwan selbst. Man muss aber auch sehen, dass China darauf angewiesen ist, seine Produkte zu exportieren. Die dortige Regierung dürfte kein Interesse an hoher Arbeitslosigkeit und Wohlstandsverlusten haben. China will mit seinen militärischen Aktionen Stärke demonstrieren. Die ganz große Eskalation dürfte aber meiner Einschätzung nach ausbleiben.

China selbst ist ja ebenfalls stark abhängig von Taiwan. Das wäre ein Argument dafür, Taiwan zu annektieren. Oder wie sehen Sie das?

Ich vermute, China will sich Know-how sichern. Also, dass es selbst in Festland-China diese Teile produzieren kann, die Herstellung subventioniert und dann über den Preis wettbewerbsfähig wird. Das hat in anderen Bereichen bereits funktioniert, und das werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit wieder versuchen. Eine Annexion ist dafür nicht notwendig.

Europa hat bereits in der Pandemie ein milliardenschweres Programm aufgelegt, um bei Halbleitern unabhängiger von Asien zu werden. Wie realistisch ist das?

Wir sehen, welche wirtschaftliche Probleme in Europa der Ukraine-Krieg verursacht. Dabei liegt die Abhängigkeit Europas von Produkten aus Russland nur bei drei Prozent. Bei China sind es 52 Prozent. Europa weiß, wie abhängig und gefährdet es ist. Daher der Versuch, diese strategischen Güter wieder selbst herzustellen. Erste Erfolge gibt es, zum Beispiel das Intel-Werk in Magdeburg. Das sind aber keine kurzfristigen Lösungen. So ein Werk kostet schließlich Milliarden, die Sie nicht so schnell verbaut bekommen.

Rückt das von vielen proklamierte Ende der Globalisierung nun noch näher?

Das wäre schlecht. Noch verlassen sich ja fast alle Länder auf Waren aus China. Der Handel brummt. Jetzt wo Russland ausfällt, müssen wir hoffen, Erdgas, Kohle und Öl aus anderen Ländern zu bekommen. Die Globalisierung ist also nicht am Ende, sondern bietet weiterhin Chancen. Vorbei ist aber die Zeit, in der man sich auf einen einzigen Lieferanten verlassen hat. Man wird es nicht schaffen, die komplette Produktion von allem, was wichtig ist, nach Europa zurückzuholen. Die Erfahrung hat aber gelehrt, dass man künftig immer versuchen wird, mehrere Anbieter zu finden.

Zum Interview auf merkur.de.

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