"Der Staat müsste sich stärker engagieren" Image
Nur etwas mehr als zehn Prozent der Azubis bewerben sich überregional. Foto: Milan Zeremski/iStock

Herr Bußmann, wie viele Auszubildende pendeln oder sind für den Ausbildungsplatz umgezogen?

Etwas mehr als zehn Prozent der Azubis bewerben sich überhaupt überregional. Das heißt die Lehrstelle ist mehr als 100 Kilometer vom Heimatort entfernt. Etwa sechs Prozent wechseln für eine Ausbildungsstelle das Bundesland.

Das ist nicht besonders viel.

Das stimmt. Es hemmen vor allem zwei Dinge: Erstens sind gerade bei den 15- bis 16-Jährigen die familiären Bindungen häufig so stark ausgeprägt, dass sie ihren Heimatort nicht verlassen möchten. Ein zweiter Punkt ist das Finanzielle. Ein Umzug, eine eigene Wohnung und Pendeln sind teuer. Hier müsste man ansetzen und den Jugendlichen helfen.

Es gibt ja bereits Förderprogramme. Ist das Problem, dass sie zu wenig bekannt sind oder dass die Förderung zu gering ist?

Sie haben Recht, es gibt bereits einige Förderprogramme. Beispielsweise gibt es finanzielle Unterstützung von der Bundesagentur für Arbeit. Ein anderer Ansatz ist das Jugendwohnen. Es gibt rund 550 Wohnheime in Deutschland, die überwiegend kirchlich oder von der Wirtschaft finanziert sind. Vielen Jugendlichen ist aber gar nicht klar, dass es diese Möglichkeiten gibt.

Wie ist das bei Betrieben?

Die großen Unternehmen wissen meistens davon. Die kleineren, die gar keine Personalabteilung haben, kennen die Programme häufig nicht – und sind damit doppelt gekniffen.

Weil sie bei der Azubi-Suche ohnehin Nachteile gegenüber großen Unternehmen haben…

Genau. Man müsste sowohl Auszubildende als auch Betriebe besser informieren.

Sie sagen, dass das Jugendwohnen überwiegend kirchlich oder von der Wirtschaft finanziert ist. Ist das nicht auch eine Sache des Staates?

Meiner Ansicht nach müssten sich ganz klar öffentliche Träger stärker engagieren. Denn der Staat sollte ein großes Interesse daran haben, Jugendliche und Unternehmen zusammenzubringen – nicht nur aufgrund der höheren Steuereinnahmen, die entstehen, wenn möglichst wenige Ausbildungsplätze frei bleiben.

Wie würde sich das Ungleichgewicht zwischen freien Ausbildungsplätzen und Jugendlichen ohne Lehrstelle verringern, würde man die Mobilität der Jugendlichen stärker fördern?

Das ist schwierig abzuschätzen. Dass es etwas bringen würde, steht für mich völlig außer Frage. Aber hierzu gibt es keine Modellrechnungen. Denn man müsste auch definieren: Was zählt überhaupt zur Mobilität? Was ist zum Beispiel mit der Berufsorientierung?

Ist die für Sie ein Aspekt der Mobilität?

Ja, denn es geht dabei darum, den Jugendlichen andere Möglichkeiten – also andere Berufsfelder – aufzuzeigen, die für sie zuerst gar nicht in Frage gekommen wären. Das könnte man als "Mobilität des Berufswunsches" bezeichnen.

Gibt es noch andere Aspekte?

Auch die Unternehmen können mehr tun. Flexible Arbeitszeiten, Unterstützung bei regelmäßigen Heimfahrten und ein Mentor, können den Auszubildenden die Angst vor dem Neuen nehmen. Mietkostenzuschüsse, eine Bahncard oder ein Dienstwagen übers Wochenende sind auch Anreize, die Azubis davon überzeugen können, von zu Hause wegzugehen.

Kleinigkeiten, die aber finanziellen Aufwand bedeuten. Müsste der Staat nicht auch hier verstärkt einspringen?

Es gibt ja bereits gewisse Unterstützung durch berufsausbildungsbegleitende Hilfen. Bevor man neue Förderprogramme beschließt, gilt es erst einmal, umfassend über die bestehenden Möglichkeiten zu informieren und das Jugendwohnen zu stärken.

Und was ist, wenn die Jugendlichen schlicht nicht mobil sein wollen?

Es wird natürlich nicht gelingen können, jeden Jugendlichen zu 100 Prozent mobil zu machen. Das wichtigste ist, diejenigen größtmöglich zu unterstützen, für die es in Frage kommt.

Zum Interview auf deutsche-handwerks-zeitung.de

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