Der Fachkräftemangel ist in Deutschland und auch hier bei uns in der Sendung ein Dauerthema. Aber an was für Fachkräften genau mangelt es da eigentlich? Laut einer neuen Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln ist die Lücke im MINT-Bereich größer geworden, also in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern.

Aber auch da lohnt es sich, noch etwas genauer hinzuschauen. Denn die Lücke hat sich zwar vielleicht vergrößert, aber vor allem hat sie sich auch verschoben, zum Beispiel bei den Ingenieuren oder auch den Informatikern, also dem I in MINT. Mehr darüber weiß Oliver Koppel. Er ist Mitautor der neuen Studie zum Thema. Seit Langem wird ja in Deutschland zum Beispiel über eine Lücke bei den Ingenieuren und den Informatikern gesprochen. Gibt es die so in der Form überhaupt noch?

Bei den Ingenieuren gibt es tatsächlich eine Fachkräftelücke. Wenn man sich das mal ein bisschen genauer anguckt, sieht man, dass das eben auch nicht für alle Ingenieurgruppen gleichermaßen gilt. Als Beispiel: Wir haben ja gerade, wie wir alle draußen auch erleben, einen Bauboom sondergleichen, den es noch nie gab, die Privatwirtschaft vergibt Aufträge, die ganze Flüchtlingskrise hat dazu geführt, dass unglaublich viel an Infrastruktur dort auch gebaut werden musste. Das hat natürlich dann auf der Arbeitsmarktseite zur Folge gehabt, dass die Nachfrage speziell jetzt nach Bauingenieuren gigantisch angestiegen ist. Das heißt, während es so vor ein paar Jahren noch die klassischen Maschinenbau- und Fahrzeugtechnikingenieure waren, die den höchsten Engpass hatten, sind es heute mit Abstand die Bauingenieure. Die sind gerade aktuell sehr, sehr stark gesucht und die anderen sind ein bisschen zurückgegangen.

Ausschlaggebend: Industrienahe Qualifikation

Zu MINT gehören auch zum Beispiel studierte Chemiker und Biologen oder auch Biotechnologen. Wie sieht es bei denen aus?

Die Biologen sind gewissermaßen das Sorgenkind innerhalb der akademischen MINT-Qualifikation. Da muss man doch ganz klar sagen, da bildet Deutschland offen gesagt über den Bedarf aus. Wir haben in Deutschland eine sehr, sehr starke Industrie generell, wir haben Metall- und Elektroindustrie, wo ich eben dann die Ingenieure auch sehr gut beschäftigen kann. Das Pendant dazu im Biologenbereich fehlt. Wir haben eben kaum funktionierende Biotechnologiebranche in Deutschland, gerade rote Biotechnologie ist hier überhaupt nicht vorhanden.

Also der medizinische Bereich wäre das, rote Gentechnik.

Genau, zum Beispiel. Das heißt, alles, was sozusagen in diesen genannten Bereich reinfällt. Das heißt, die Biologen und Biologinnen verdingen sich dann typischerweise stark noch an der Schnittstelle zwischen Hochschule und, ich sage mal, freier Wirtschaft, aber da ist der Übergang tatsächlich doch etwas schwierig. Das heißt, es gilt nicht ein genereller Engpass im gesamten MINT-Segment. Bei den Biologen ist der Arbeitsmarkt eher überversorgt, bei den Chemikern ist er ziemlich ausgeglichen, da kommt es natürlich auf die Spezialisierung an.

Generell kann man sagen: Je industrienäher eine Qualifikation ist, umso eher - also ein Lebensmittelchemiker zum Beispiel wird einen prima Job haben, weil der findet eine funktionsfähige Industrie, wo er dann hinterher auch beschäftigt wird; jemand, der sozusagen sehr stark universitär geprägt ist, grundlagenforschungsorientiert ist von seiner Qualifikation her als Chemiker, der findet dann eben etwas schwieriger in der freien Wirtschaft einen Job. Und das Problem an der Hochschule ist: Die haben nun mal das Hochschulrahmengesetz, da kann man nicht ewig arbeiten.

Daten der Bundesagentur für Arbeit ausgewertet

Jetzt haben wir etwas gesprochen über die Bereiche, in denen der Mangel nicht so groß ist. In welchen Bereichen und an was für Fachkräften fehlt es denn dann im Moment?

Im MINT-Bereich haben wir eine ganz klare Verschiebung der Binnenstruktur hin zu den beruflichen Qualifikationen. Sprich, alles das, wofür ich eine technisch-naturwissenschaftliche Berufsausbildung brauche - Elektriker, Mechatroniker et cetera -, dort fehlen die in Zahlen gerechnet meisten Fachkräfte. Etwa zwei Drittel der Gesamtlücke - die Gesamtlücke ist ungefähr 300.000 Personen - entfällt auf diese sogenannten nichtakademischen MINT-Qualifikationen. Also es sind nicht mehr in erster Linie die Informatiker und die Ingenieure, die gesucht werden. Die werden auch gesucht, aber das Gros der Lücke entfällt tatsächlich auf die klassischen Berufsqualifikationen im MINT-Bereich, Elektriker, Mechatroniker et cetera.

Also MINT-Ausbildungsberufe. Woran machen Sie das fest? Wie kommen Sie zu diesen Zahlen?

Wir werten die Daten der Bundesagentur für Arbeit zu den offenen Stellen und den gemeldeten Arbeitslosen aus und berücksichtigen dazu auch noch die sogenannte Vakanzzeit, das heißt also die Zeit, die Beschäftiger benötigen, um eine offene Stelle dann tatsächlich zu besetzen oder eben die Suche tatsächlich ergebnislos abzubrechen. Und dort sehen wir, dass in diesen technisch-naturwissenschaftlichen Qualifikationen die Indikatoren doch sehr, sehr angespannt sind, während eben in anderen Qualifikationen - nehmen Sie jetzt, ich sage mal, Ausbildungsberufe im kaufmännischen Bereich -, da haben wir überhaupt keinen Engpass. Das hören wir auch von den Unternehmen, wenn die da eine Ausbildungsstelle haben, bekommen sie da 50 prima qualifizierte Bewerbungen für. Wenn sie mal versuchen, eine Mechatronikerstelle im Ausbildungsbereich zu besetzen, sagen die Unternehmen, dann sind wir froh, wenn wir überhaupt eine Bewerbung bekommen. Das heißt, da sind auch dramatische Unterschiede sowohl im akademischen als auch eben im nichtakademischen Bereich.

Engpass wird sich verstärken

Und lassen sich schon Trends für die Zukunft ableiten aus den bisherigen Zahlen, die es schon gibt?

Was uns ein bisschen Sorge bereitet, ist, dass der Engpass, der jetzt bereits vorhanden ist, sich aller Wahrscheinlichkeit nach noch verstärken wird. Wir haben gerade im Bereich der beruflich qualifizierten MINT-Berufe das Problem einer sehr ungünstigen demografischen Struktur, da gibt es sehr viele ältere Fachkräfte, die jetzt bald in Rente gehen werden. Und durch ein großes Problem im Bereich der Besetzung offener Ausbildungsstellen fehlen da tatsächlich die Jungen. Das heißt, die Altersstruktur ist da schlecht.

Gleichzeitig haben wir Zusatztrends, wir reden über Digitalisierung, wir reden über Forschungsziele, die Bundesrepublik Deutschland möchte demnächst dreieinhalb Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Forschung und Entwicklung ausgeben, das bevorzugt typischerweise wiederum technisch-naturwissenschaftliche Qualifikation, auch im Ausbildungsbereich übrigens. Das heißt, die gesamten Megatrends, die wir im Moment sehen, deuten darauf hinaus, dass technologische Themen - Ressourceneffizienz, erneuerbare Energien et cetera -, dass diese Qualifikationen in Zukunft sogar noch stärker gesucht werden, als sie es ohnehin schon sind. Und offen gesagt, haben wir so recht keine Idee, wo die Leute herkommen sollen.

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