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Studenten an der Universität: Besonders gefragt sind Absolventen der sogenannten MINT-Fächer.

An den Hochschulen laufen gerade die Bewerbungsfristen. Zum Wintersemester werden wieder mehr als eine halbe Million Abiturienten Hörsäle und Seminarräume bevölkern. Braucht die deutsche Wirtschaft überhaupt so viele Akademiker?

Die Arbeitsmarktchancen von Akademikern sind weiterhin sehr gut. Ihre Arbeitslosenquote liegt bei etwa 3 Prozent und damit auf Vollbeschäftigungsniveau. Auch waren noch niemals so viele Stellen für Akademiker zu besetzen wie zurzeit. Natürlich haben es Absolventen solcher Fachrichtungen, die stärker an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes ausbilden, nochmals deutlich leichter, einen adäquaten Arbeitsplatz zu finden, als Absolventen von Orchideenfächern, deren hart umkämpfte Arbeitsplätze in erster Linie im Hochschulumfeld zu finden sind.

Jeder Studienanfänger, der auf eine Erwerbsarbeit angewiesen ist, sollte sich zumindest einmal die Frage gestellt haben: "Welche Kompetenzen erwerbe ich im Rahmen des Studiums, für die idealerweise eine Vielzahl von Arbeitgebern eine Verwendungsmöglichkeit aufweist?" Nahezu jeder Arbeitgeber hat eine Personalabteilung und benötigt mindestens einen BWLer, der sich um die Personalangelegenheiten kümmert. Hingegen ist mir kein Unternehmen mit einer Romanistik- oder Politologieabteilung bekannt. Entscheidend für die Chancen am Arbeitsmarkt ist weniger der intellektuelle Tiefgang der Ausbildung als vielmehr die Nachfrage des Arbeitsmarkts.

Die Wirtschaft klagt, dass die Hochschulen in den sogenannten MINT-Fächern - Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik - zu wenige Akademiker hervorbringen. Welche Lösungen halten Sie für sinnvoll?

Die Engpässe in den technisch-naturwissenschaftlichen Berufen sollten nicht pauschalisiert werden. In den Naturwissenschaften und der Mathematik ist der Arbeitsmarkt ausgeglichen, in der Biologie und in Teilen der Chemie herrscht sogar ein Überangebot. Die Probleme konzentrieren sich auf das I und das T in MINT, konkret die technischen Fachrichtungen der Ingenieurwissenschaften und der Informatik.

Insbesondere hier sollten sich Hochschulen und Unternehmen noch stärker als bisher zusammenschließen und duale Studiengänge, das heißt eine Kombination aus betrieblicher Ausbildung und Studium anbieten. Auch müssen seitens der Bundesländer mehr Mittel in die Qualität der Hochschullehre investiert werden, um die noch immer sehr hohen Abbrecherquoten in den MINT-Studiengängen zu reduzieren.

Mit der "Exzellenzinitiative" werden Bund und Länder ab 2019 Spitzenforschung an deutschen Hochschulen mit einer halben Milliarde Euro jährlich fördern. Was verspricht sich die deutsche Wirtschaft davon?

Die Exzellenzinitiative ist eine sehr sinnvolle Maßnahme, um den Hochschulstandort Deutschland im internationalen Wettbewerb um Spitzenforscher wettbewerbsfähiger zu gestalten. Da hierbei jedoch die Grundlagenforschung - mit dem Ziel einer Veröffentlichung in internationalen referierten Fachzeitschriften - und nicht die anwendungsorientierte Forschung - mit dem Ziel der Lösung eines konkreten technischen Problems - im Fokus steht, dürften von der Exzellenzinitiative kaum unmittelbare Effekte auf die Wirtschaft ausgehen.

Etwas anders sieht es mit dem Pendant der Exzellenzinitiative aus, dem so genannten Pakt für Forschung und Innovation. Hier werden beispielsweise Forschungskooperationen von Fraunhofer-Instituten und Unternehmen gefördert.

Der akademischen Bildung in Deutschland haftet der Ruf an, nicht unbedingt mit der Zeit zu gehen. Wie können sich Hochschulen fit für die Zukunft machen?

Als sehr erfolgreich für Absolventen, Unternehmen und Hochschulen gleichermaßen erweisen sich dabei duale Studiengänge. Bei diesen sind die Unternehmen für die berufspraktischen Bestandteile verantwortlich, zudem bieten sie Studierenden Praktikumsmöglichkeiten oder arbeiten im Rahmen von praxisorientierten Abschlussarbeiten mit den Hochschulen zusammen.

Viele Universitäten sind jedoch noch von dem Selbstverständnis geleitet, in erster Linie den Nachwuchs für das eigene akademische Umfeld auszubilden, dabei arbeiten 83 Prozent aller Akademiker außerhalb des Bildungssektors. Natürlich sind für eine Karriere in der Wissenschaft fundierte theoretisch-methodische Kompetenzen entscheidend, die Realität außerhalb des Hochschulbereichs ist jedoch eine andere - und viele Uni-Absolventen erleiden in dem Spannungsfeld von theoretisch-fundierter Ausbildung und praxisnahen Anforderungen einen regelrechten Realitätsschock.

Fachhochschulen verstehen sich seit jeher deutlich stärker als Ausbildungszentren für die regionale Wirtschaft. Daher haben sie sich stärker an deren praktischen Bedürfnissen und Anforderungen orientiert. Auch die Universitäten sollten ihre Lehrpläne stärker auf die Bedürfnisse der außeruniversitären Arbeitswelt anpassen - etwa durch eine Differenzierung ihrer Studiengänge und -abschlüsse in primär forschungsorientierte und primär arbeitsmarktorientierte Lehrinhalte.

Viele Hochschulen in Deutschland leiden unter Geldmangel. Welche Möglichkeiten hätte die deutsche Wirtschaft, Lehre und Forschung stärker zu fördern?

Aktuell beteiligt sich die deutsche Wirtschaft in einem Umfang von jährlich 2,5 Milliarden Euro im Bereich der akademischen Bildung, finanziert beispielsweise Stiftungslehrstühle und engagiert sich in der Begabtenförderung und in Stipendienprogrammen.

Darüber hinaus finanzieren Unternehmen mit jährlich 1,3 Milliarden Euro Forschungsprojekte an den Hochschulen. Der Großteil dieser Mittel fließt naturgemäß in den MINT-Bereich, da dieser in puncto Forschung, Entwicklung und Innovationen die größten Schnittstellen mit realen technischen und mithin auch wirtschaftlichen Herausforderungen aufweist.

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