Das Interview ist eine gekürzte und redaktionell überarbeitete Fassung des folgenden Podcasts "Atlantik-Brücke On The Record." Michael Hüther ist Vorstandsmitglied der Atlantik-Brücke. Er spricht über die Thesen des Buches „Die erschöpfte Globalisierung: Zwischen transatlantischer Orientierung und chinesischem Weg“, das er zusammen mit Matthias Diermeier und Dr. Henry Goecke veröffentlicht hat.

David Deißner: Die “erschöpfte Globalisierung“ – wer oder was genau ist erschöpft?

Globalisierung ist, ökonomisch betrachtet, ein Vorgang intensivierter Arbeitsteilung – das hat zu tun mit Warenaustausch, mit Handel von Dienstleistungen, mit Kapitalverkehr, aber auch mit Wissensdiffusion. Wenn man sich diese Indikatoren anschaut, wird man feststellen, dass nach einer dynamischen Bewegung von gut zwei Jahrzehnten seit 2012 eine Art Erschöpfung in dem Sinne eingetreten ist, dass der Welthandel nicht mehr stärker expandiert als die Weltproduktion, dass die Anzahl der dynamischen Volkswirtschaften mit mehr als vier Prozent Wachstum im Jahr nicht mehr steigt, dass es auch nicht gelingt, weitere Räume zu integrieren. Auch in den etablierten Industrieländern der nördlichen Hemisphäre ist es nicht mehr selbstverständlich, Globalisierung als wohlstandsmehrenden Prozess zu verstehen.

In den ersten Kapiteln Ihres Buches beschreiben Sie die erste Phase der Globalisierung vom neunzehnten Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Sie gehen darauf ein, wie im Zuge von Industrialisierung und Kolonialisierung fremde Weltregionen in die westliche Welt eingebunden werden konnten, wie der Wohlstand zunahm und die Bevölkerung wuchs. Aber Sie sprechen auch über die Schattenseiten dieser Entwicklung – Fremdbestimmung, Unterdrückung durch Kolonialismus. Kann man sagen, dass die Globalisierung von Anfang an eine Gewinner- und eine Verliererseite hatte?

Globalisierung ist nie ohne Konflikte und nie ohne Verwerfungen gewesen, weil sich durch einen Prozess, der Barrieren senkt, eine hohe Dynamik entfaltet. Dynamik heißt Umgehen mit Anpassungsnotwendigkeiten. Dies gelingt Menschen unterschiedlich schnell und unterschiedlich gut. Auch Systeme sind nicht gleich gut auf den Umgang damit vorbereitet – Bildungs- und Sozialsysteme beispielsweise.

Spannend an der Globalisierung ist, dass sie schon in der Phase nach 1900 den Zeitgenossen unumkehrbar schien. Entstanden ist sie nach 1870, aber sie war den Menschen selbstverständlich geworden. Das abrupte Ende dieser Öffnung mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges war eine Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, nicht nur in den ganzen Folgen, die sich daraus ergaben. Diese Öffnung hatte natürlich aber in den ganzen Kolonien viele Entwicklungen zur Folge, die wir heute sehr kritisch sehen.

In der heutigen politischen Diskussion ist Globalisierung für viele Menschen negativ konnotiert. Wie lässt sich das erklären?

Es gibt Globalisierungsverlierer. In den USA gibt es beispielsweise 2,5 Millionen verlorene Industriearbeitsplätze, die nicht kompensiert worden sind. In Deutschland hatten wir vergleichbare Verluste, nur waren wir in der Lage, in der Industrie neue Arbeitsplätze zu schaffen. Freier Handel und Kapitalverkehr führen zu Anpassungslasten. Am Ende ist die Dynamik höher, aber in Anpassungsphasen gibt es immer auch Verlierer.  Dann gab es die Finanzkrise 2008/2009, die auch einen Kontrollverlust staatlicher Institutionen deutlich gemacht hat. Das Gleiche gilt für die Flucht- und Migrationskrise, bei der auf einmal bestehende Sicherheitserwartungen nicht mehr erfüllt werden konnten.

Auf der anderen Seite merken wir, dass Präsident Trump mit seinem Verhalten wieder dazu führt, darüber nachzudenken, wie gut es eigentlich ist, wenn man sich international ins Benehmen setzt.