Die Gesprächsrunde bei der Coface Country Risk Conference war sich einig, dass die bisherigen Corona-Maßnahmen auf EU- und Länderebene richtig und angemessen sind. Aber der ehemalige italienische Ministerpräsident Enrico Letta hat auch betont, dass diese Finanzspritzen endlich sein müssen. Wie ist die aktuelle Lage?

Wir sehen derzeit eine Spaltung der Volkswirtschaft. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass es, abgesehen vom Reise- und Touristikbereich, in der Industrie glücklicherweise wieder aufwärtsgeht. Das heißt, dieser Teil unserer Wirtschaft, der auch durch Auslandsmärkte getragen wird, funktioniert recht robust. Und das hilft uns als exportstarker Nation mehr als beispielweise Frankreich oder Großbritannien. Die Hilfe, die für Industrieunternehmen in erster Linie relevant war, ist das Kurzarbeitergeld. Das haben viele Unternehmen nicht zum ersten Mal erlebt, da war die erforderliche Liquidität dann auch schnell abrufbar.

Und auf der anderen Seite haben wir die Kleinselbstständigen, den stationären Handel, Veranstaltungsmanagement, Hotels, Kulturschaffende etc. Für einen Restaurantbesitzer mit 3 Mitarbeitern, der sich erst durch sämtliche Anträge arbeiten musste, war das Kurzarbeitergeld nicht so entscheidend wie für die Industrie. Hier spielen die November- und Dezemberhilfen eine stabilisierende Rolle – wenn sie dann auch zeitnah ausgezahlt werden.

Kann man die Tourismus-, Gastro- und Transportbranchen mit der Hoffnung auf Nachholeffekte trösten?

Ein Nachholen kann im Bereich Tourismus ja nur dann stattfinden, wenn Sie in Zeiten, wo Sie normalerweise nicht voll ausgelastet sind, plötzlich mehr Auslastung haben. In Deutschland dürfte es wetterbedingt aber unwahrscheinlich sein, dass die Menschen im November an die Ostsee in den Urlaub fahren. Nachholeffekte sehe ich hier nicht. Viele haben ja aufgrund der Einschränkungen im vergangenen Jahr unfreiwillig gespart. Dann wird es eher mal der teurere Urlaub und man fliegt etwas weiter weg. Der Gastrobereich hat mit dem Lieferservice derzeit zwar ein zweites Standbein – aber auch hier können Sie ja nichts nachholen.

„Insgesamt sehe ich keinen dramatischen Anstieg der Insolvenzen.”

Unsere Volkswirte haben berechnet, dass die Insolvenzen in Deutschland, basierend auf der alleinigen Konjunkturentwicklung, im Jahr 2020 um 9% zum Vorjahr gestiegen wären. Tatsächlich sind sie aber wohl um 15% gesunken – die staatlichen Stützmaßnahmen haben den eigentlichen Anstieg daher nicht nur ausgeglichen, sondern überkompensiert.* Ist das der Nährboden für die Entstehung von Zombieunternehmen?

Ein Zombieunternehmen ist ein Unternehmen, dass durch staatliche Maßnahmen zumindest noch seine Fixkosten decken kann. Wir hatten die gleiche Diskussion über Zombification nach der Finanzkrise. Damals hieß es, dass das Kurzarbeitergeld auch Firmen stabilisiere, die eigentlich verschwinden müssten. Aber es gab im Nachhinein keinen Befund dazu, ob es eine Zombification gegeben hat. Deswegen sehe ich das Thema entspannt. Es gibt immer Unternehmen, die vom Markt verschwinden, weil ihre Produkte nicht mehr nachgefragt werden oder weil sie zum Beispiel die Digitalisierung verschlafen haben. Da helfen dann auch keine niedrigen Zinsen. Bildlich gesprochen: Wer heute noch Schwarz-Weiß-Fernseher mit Röhren produziert, der wird es so oder so schwer haben. Eine Zombification im Sinne einer strukturellen Verschlechterung der Unternehmensqualität sehe ich nicht. Ganz im Gegenteil: Dadurch, dass viele deutsche Unternehmen aufgrund ihrer hohen Exportrate die Krise im internationalen Vergleich verhältnismäßig gut meistern konnten, sehe ich sogar Wachstums- oder Kaufmöglichkeit.

Aktuell möchte sich im Hinblick auf die Insolvenzzahlen für das Jahr 2021 niemand so recht festlegen. Würden Sie trotzdem eine Prognose wagen?

Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht läuft ja noch bis Ende April. Es hängt wie bereits erwähnt viel davon ab, ob bis dahin Hilfen wie die Novemberhilfe, Dezemberhilfe und Überbrückungshilfe III weitgehend ausgezahlt werden. Das würde, wenn auch verspätet, für Liquidität und Stabilität sorgen. Existenzprobleme sehe ich eher bei Einzelunternehmern oder Kulturschaffenden. In diesen Bereichen wird es Insolvenzen geben, aber insgesamt sehe ich keinen dramatischen Anstieg der Insolvenzen.

„Unrealistisch zu glauben, dass man dieses Virus auf Null setzen kann.”

Der Brexit ist geregelt, Donald Trump ist aus dem Amt und Corona können wir im Idealfall auch irgendwann hinter uns lassen. Welche Themen rücken aus Ihrer Sicht dann auf die Agenda?

Die Dekarbonisierung wird wieder in den Vordergrund treten. Die Ziele sind ja bereits definiert, uns verbleiben dann noch weniger als 30 Jahre. Hier kommt eine enorme Aufgabe auf uns zu, aber aufgrund der Wahl von Biden könnte das zu einem gemeinsamen Nachhaltigkeitsprojekt von Europa und den USA werden. Eine solche Kooperation hätte auch wirtschaftlich eine große Bedeutung. Darüber hinaus wird es auch künftig trotz Impfungen Coronatote geben, genauso wie es noch immer Grippetote gibt. Die Frage ist, wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Das ist aus meiner Sicht auch die größte Schwäche der politischen Debatte: Sie möchte suggerieren, dass jeder Todesfall aufgrund von Corona vermeidbar ist. Das ist aber nicht realistisch. Und darüber muss ein gesellschaftlicher Diskurs geführt werde. 

Sie plädieren dafür, mit dem Virus zu leben anstelle eine No-Covid-Strategie zu verfolgen. Warum tun sich viele so schwer damit, dem von Ihnen beschriebenen Szenario ins Auge zu blicken?

Es ist politisch unattraktiv! Ich bin kein Virologe, aber was ich aus vielen Gesprächen mitgenommen habe, ist die Erkenntnis: In einer offenen Welt mit offenen Grenzen und der hiesigen Siedlungsstruktur ist es unrealistisch zu glauben, dass man dieses Virus vollständig auf null setzen kann. Das sehen wir doch beim Influenza-Virus, das trotz Impfstoff und Herdenimmunität nach wie vor präsent ist und jedes Jahr Tausende Tote fordert. Deswegen spricht für mich sehr viel dafür, dass uns das auch beim Coronavirus nicht gelingen kann. Wir müssen also versuchen, das Geschehen zu kontrollieren und lernen, damit umzugehen.
Ein weiterer Punkt ist, dass wir in unserer Gesellschaft kein Verhältnis zum Sterben haben. Wir wollen alles managen, aber der Tod lässt sich eben nur begrenzt managen. Er ist aber nun einmal ein Teil des Lebens.

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