Herr Hüther, wie ist die Stimmung an der Stanford Universität?

Wen man hier in der Fakultät auch trifft, alle sind entsetzt. Noch am Wahlabend trat der Kanzler der Universität vor die Studenten und sagte, dass die Universität ihre Heimat ist, egal was passiert. Gegenüber den Studenten, die nicht aus den USA kommen, betonte er, dass sie hier selbstverständlich hoch willkommen sind. So etwas sagt ein Universitätskanzler nach einer US-Wahl; das muss man sich mal vorstellen.

Welche Rolle haben wirtschaftliche Fragestellungen bei Trumps Wahlsieg gespielt?

Gesamtwirtschaftlich gesehen läuft es in den USA eigentlich gut. Die Arbeitslosenquote liegt bei fünf Prozent, das ist der niedrigste Wert seit 2007. Allerdings gibt es große regionale Unterschiede. Die USA haben ein paar Kraftzentren, aber der Rest ist weit davon entfernt. Zum Beispiel haben die Menschen der Küstenregion in Kalifornien mit dem Silicon Valley oder im Großraum New York mit der Wall Street nahezu ein doppelt so hohes Pro-Kopf-Einkommen wie der Rest der USA. Wenn Sie die beiden Regionen mit ihren 25 Millionen Menschen herausrechnen, verringert sich das jährliche Pro-Kopf-Einkommen aller anderen 285 Millionen Amerikaner um rund 2000 Dollar im Jahr. Das ist keine Petitesse.

Was ist die Ursache der Zerklüftung?

In den USA ist es nie gelungen, den Verfall der Industrie zu stoppen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Firmen hier nicht in Netzwerke eingebunden sind wie etwa in Deutschland. Die regionalen Unterschiede sind mitunter extrem. Wenn Sie vom Silicon Valley Richtung Pazifik fahren, dann kommen Sie durch Täler, wo landwirtschaftliche Maschinen in Betrieb sind, die das erste Mal unter Eisenhower in Gang gesetzt wurden. Hier kann man sich nicht vorstellen, dass es irgendeine Perspektive für Wohlstandsmehrung gibt.

Bei der Digitalisierung gehen die USA allerdings voran …

Das mag so sein, aber glauben Sie nicht, dass das irgendwo im mittleren Westen positive Konsequenzen hat. Ich war vor ein paar Tagen in einer Art Lehrwerkstatt für Blechhandwerk. So etwas würden wir bei uns gar nicht als Ausbildung bezeichnen. Es gibt in den USA keine spezifische Ausbildung für Facharbeiter in der Industrie. Es fehlt damit das nötige Arbeitskräftereservoir. In den USA hat die Industrie aus sich heraus keinen Qualitätsanker, keinen Flexibilitätsspielraum, wie das bei uns durch die Netzwerke der Fall ist. Nehmen Sie den Industriepark Hoechst. Der ist heute ein sehr innovatives Industriecluster.

Ängste, abgehängt zu werden, gibt es auch in Deutschland. Sind sie berechtigt?

Wir haben eine ganz andere Gesellschaftsstruktur als die USA. Wir verfügen über eine stabile Mitte. Und wir haben vor allen Dingen kein Auseinanderdriften der Regionen. Das muss man vor allem vor dem Hintergrund der Wiedervereinigung würdigen: Wir haben den industriellen Schrotthaufen der DDR integriert und haben heute in Sachsen oder Thüringen einen so hohen Industrieanteil wie in den südlichen Bundesländern. Es besteht also kein Grund zu solcher Sorge.

Es gibt Stimmen, die die USA bald wieder zur Tagesordnung übergehen sehen, weil Trump fest in ein System eingebunden werde …

Darüber kann ich mich nur wundern. Wenn das so wäre, wäre es ja egal, wer US-Präsident wird. Und man darf nicht vergessen: Trump hat seine Anhänger derart mobilisiert, dass er liefern muss! Daher ist mein Bild der künftigen Weltwirtschaft ein eher krisenhaftes: Trump wird die Unsicherheit verstärken. Eine Ankündigung wird er auf jeden Fall versuchen umzusetzen: Amerika zuerst. Das heißt, alle Anstrengungen werden auf die Innenpolitik und auf die Binnenwirtschaft konzentriert.

Was wäre der größte Fehler, den Trump machen könnte?

Er wird seiner Klientel durch Abschottung nicht wirklich etwas bieten können. Er steckt nun in dem Dilemma, dass er genau das als Heilmittel verkündet hat. Er müsste diesen Fehler also eigentlich begehen – zu einem hohen Preis. Denn die Abschottung bleibt ja nicht punktuell wirksam, sondern wird auch Konsequenzen zum Beispiel für Kraftzentren wie das Silicon Valley haben. Außerdem bekommt man Industrie nicht durch Abschottung zurück, sondern durch innovativen industriellen Strukturwandel und mit der Bildung von Clustern, die man mit neuen Ausbildungsangeboten verbindet. Deutsche Unternehmen werden möglicherweise nicht nur beim Export, sondern auch bei ihren Investitionen in den USA zurückhaltender sein. Die Effekte einer Abschottung kann man in den USA ja heute schon zum Teil sehen.

Inwiefern?

Bestimmte Märkte haben überhaupt keine Dynamik mehr. Schauen Sie sich in den USA zum Beispiel eine Waschmaschine an. Die sieht aus, als käme sie aus der DDR von 1952. Es gibt im Binnenmarkt in bestimmten Segmenten überhaupt keine Ansprüche mehr, weil es keinen Wettbewerb gibt.

Wird es zu einem Handelskrieg mit China kommen?

Nein, das glaube ich nicht. Was den Freihandel betrifft, wird Trump versuchen, die großen Symbolthemen anzugehen: TTIP (Freihandelsabkommen mit Europa, die Redaktion), TTP (mit Asien) und Nafta (nordamerikanisches Freihandelsabkommen). China wird er erst einmal mit einer aggressiveren Rhetorik konfrontieren. Besser wird das Verhältnis dadurch sicher nicht …