Michael Hüther im Kölner Stadt-Anzeiger Image
Bergwerke wie hier die Zeche Zollverein in Essen prägten lange die Identiät des Ruhrgebiets. Foto: Michael Luhrenberg/iStock

NRW feiert seinen 70. Geburtstag. Wie weit sind wir vorangekommen beim Herausbilden einer nordrhein-westfälischen Identität?

Andere Länder wie Bayern oder Sachsen haben historisch bedingt einen großen Vorsprung durch ihre Jahrhunderte lange politische Geschichte. Nordrhein-Westfalen ist Ergebnis des Krieges und eines darauf folgenden Verwaltungsaktes der Briten - diese fehlende Historie kann man nicht so einfach kompensieren. Aber angesichts dieser Startbedingungen ist es doch ganz gut gelungen - spätestens seit Johannes Rau und seinem Credo »Wir in NRW«. Aber zu einem Standortfaktor wie im bayerischen Sinne wird die eigene Identität nicht werden. Dazu ist das Land auch viel zu regional strukturiert, selbst in der Wirtschaft und ihren Verbänden.

Die einst prägenden Kräfte Bergbau und Stahlindustrie werden vielerorts noch als Identitäts-Merkmal gesehen. Ist das auch ein vergiftetes Erbe? Ein Zukunftsbild lässt sich daraus schließlich nicht ableiten.

In der Tat - die Bergmannskapelle und dies alles dient als reine Traditionsverwaltung. Auch in der Politik wurden die Zeichen lange verkannt - schließlich hatten wir die erste Kohlenkrise schon Ende der 1950er Jahre. Dennoch wurde so lange wie möglich an einem Erbe festgehalten, aus dem sich für die Zukunft kaum etwas ableiten lässt. Aus der Metall- und Elektroindustrie zum Beispiel führt der Weg in die Industrie 4.0, die digitale Welt. Aber aus der Kohle? Wenn man an diesem Traditionsthema schon so lange festhält, dann muss man es auch in eine Zukunftsperspektive überführen und eine Anschlusserzählung parat haben.

Was können denn Ministerpräsidenten eines Bundeslandes überhaupt heute noch gestalten?

Es kommt darauf an, Dinge konsequent zu tun. Im Vergleich der Bundesländer zeigt sich doch, dass man mit einer stimmigen Strategie, die stringent umgesetzt wird, Erfolg haben kann. Das fällt ja nicht vom Himmel. Sonst würde auch ein Pförtner in der Staatskanzlei reichen, der die Vorgaben aus Berlin und Brüssel entgegen nimmt. Über die Bayern wird oft die Nase gerümpft, auch weil sie so penetrant vortragen, wie gut sie sind. Aber sie haben halt zum Beispiel in den 1990er Jahren sechs Fachhochschulen in ländlichen Regionen gegründet, um dort den Strukturwandel aufzunehmen und weiterzuführen. Das öffnet klare Investitionsperspektiven, auch für Unternehmen.

Gerade im Ruhrgebiet wurde immer wieder versucht, zum Beispiel über die Hochschulen neue Perspektiven zu öffnen.

Wie viel Geld ist denn in den ersten 39 Jahren SPD-Regierung ins Ruhrgebiet geflossen? Das war Mittelverteilung gemäß dem Motto: »Wem fällt was Schönes ein?« Da stimmte ja wohl die Strategie nicht, und am Ende hat deshalb durchaus plausibel die Kraft nicht gereicht, es konsequent zu tun.

Wie könnte eine zeitgemäße Perspektive für das Ruhrgebiet aussehen?

Man sollte viel stärker die Anknüpfungspunkte der jeweiligen Teile des Ruhrgebiets ins Auge fassen, anstatt das Ruhrgebiet als Einheit zu sehen. Wenn man die Region Dortmund mit dem südwestfälischen Raum um Hagen, Iserlohn und Lüdenscheid verknüpft, ergeben sich viel stärkere Verbindungen als zwischen Dortmund und dem restlichen Ruhrgebiet. Dort in Südwestfalen gibt es die höchste Industriedichte, es fehlt aber an zum Beispiel an Fachhochschulplätzen, die man in Dortmund wiederum stellen kann. Doch am Beispiel des Verkehrswegeausbaus sieht man, wohin der Blick immer noch gerichtet wird.

Auf eine in sich veraltete Struktur?

In der gesamten Förderung scheint immer noch die Vorstellung durch, man müsse das Ruhrgebiet insgesamt nur einmal umkrempeln und habe dann wie früher wieder das wirtschaftlich pochende Herz Deutschlands. Stattdessen müsste man - zum Beispiel über die verschiedenen Regierungspräsidien - die Anknüpfungen in die Rheinschiene, ins Münsterland oder eben nach Südwestfalen stärken, um wirtschaftliche Potenziale zu fördern. In der Vergangenheit war das Ruhrgebiet ökonomisch betrachtet eine Einheit. In der Zukunft kann es das nicht mehr sein. Warum auch? Das, was diese Einheit begründet hat, nämlich die Montanindustrie, fällt weg. Und nichts knüpft wirtschaftlich daran an. Kulturpolitisch und mit Blick auf Verwaltungseffizienz kann und sollte man das freilich anders sehen.

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