Im ersten Quartal ist die deutsche Wirtschaft um 2,2 Prozent gerechnet – der stärkste Rückgang seit der Finanzkrise. Im zweiten Quartal weisen Prognosen auf einen noch stärkeren Absturz hin. Grund sind die Corona-Maßnahmen. Capital hat mit IW-Direktor Michael Hüther über die Rezession und den Aufschwung danach gesprochen.

Wie wird sich die deutsche Wirtschaft weiterentwickeln?

Wir sind im Tal der Tränen angekommen. Das heißt der Absturz, den wir im zweiten Quartal wahrgenommen haben, ohne dass wir ihn in amtlichen Zahlen sehen, ist zu einem Halt gekommen. Wir werden im zweiten Quartal erheblich im Minus sein – mit minus 12 Prozent in laufender Rate. Im Jahresdurchschnitt würde das einer Schrumpfung von 9 Prozent entsprechen. Das ist wirtschafts-historisch einmalig, wenn man die Wirtschaftskrise von 1929 weglässt. Das heißt aber auch, dass wir von dem zweiten ins dritte Quartal einen Aufwärtspfad begehen, der uns dann auch nach 2021 trägt. Das signalisieren auch die Bewertungen der Aktienmärkte, die seit dem Tiefstand von März erstaunlich entspannt sind, ebenso das Geschäftsklima.

Es gibt bereits mehrere Szenarien für eine Rezession. Welches ist das wahrscheinlichste?

Man kann von einem rechtsflachen V sprechen. Der Aufstieg aus dem Tief verläuft nie so schnell wie der Absturz, da man sich danach wirtschaftlich erst neu sortieren muss. Hinzu kommt, dass der wirtschaftliche Absturz durch den Lockdown diesmal extrem schnell war. Das heißt die Geschwindigkeit, die sich auch in den BIP-Zahlen von minus 2,2 Prozent im ersten Quartal und minus 12 Prozent im zweiten Quartal äußert, wird sich im dritten und vierten Quartal so nicht im Positiven spiegeln. Wir haben bei dem Szenario einer V-Rezession also ein ganz steiles V links und ein flaches nach rechts.

Im aktuellen ifo-Geschäftsklimaindex hat sich die Stimmung unter den Unternehmern bereits leicht gebessert. Welche Rolle spielen Erwartungen für die weitere Entwicklung?

Pessimisten sagen, eingetrübte Erwartungen halten drei Jahre an, jetzt dauern sie aber womöglich nur wenige Monate. Der private Bereich ist dabei nicht zu unterschätzen. Viele Branchen, die zuletzt stillgelegt waren wie die Gastronomie oder der Einzelhandel laufen – wenn auch zögerlich – jetzt wieder an. Wenn sich das weiter mit sinkenden Neu-Infektionszahlen verbindet, dann wird sich diese Entwicklung weiter fortsetzen. Die Möglichkeit in den Urlaub zu fahren, ist ein weiterer wichtiger Stimmungshebel. Indem sich andere Volkswirtschaften wieder mobilisieren, stabilisiert das auch die Arbeitsmarkt-Perspektiven. Insofern ist es wichtig, dass die positiven Botschaften – auch als Überraschung – zunehmen.

Was heißt das für das Ausmaß der Rezession?

Wenn man von außen betrachtet, dass es einen durchschnittlichen Rückgang der Wirtschaft um 9 Prozent gibt, dann ist das erstmal ein Schock. Der Verlauf ist aber so, dass man Ende 2021 wieder das Aktivitätsniveau erreicht, das man vor der Krise Anfang 2020 hatte. Für den Arbeitsmarkt wird ein Anstieg der Arbeitslosenquote auf 6,5 Prozent erwartet. Verglichen mit früheren Konjunkturphasen klingt das relativ undramatisch, zumal angesichts der höheren Erwerbstätigkeit. Verglichen mit der Finanzkrise hatten wir vor Corona zusätzlich fünf Millionen Erwerbstätige. Man sollte deshalb nicht übersehen, dass man in der Ausgangssituation im Hinblick auf das Beschäftigungsniveau, die Arbeitslosigkeit und die Staatsfinanzen in einer relativ guten Position ist. Das federt natürlich Manches ab.

Das klingt so, als kämen wir noch mal mit einem blauen Auge davon …

Trotzdem wird es Konsequenzen geben, wir werden in diesem Jahr einen massiven Einbruch bei den Investitionen erleben. Wir müssen deshalb die Modernisierung des Kapitalstocks mit Blick auf die großen Fragen Digitalisierung, Klimawandel und demografische Alterung vorantreiben. Ich habe dabei die Hoffnung, dass gerade das deutsche Wirtschafts- und Sozialmodell aus dieser Krise positiver herauskommt, als manche denken. Wir haben erlebt, wie die Sozialpartner relativ schnell kluge Beschlüsse fassen konnten. Und wir haben ein gutes Gesundheitssystem. Beides sind stabilisierende Elemente.

Stichwort stabilisierende Elemente, wann kann frühestens mit einer wirtschaftlichen Erholung gerechnet werden?

Die vor uns liegenden sechs bis sieben Quartale werden eine Herausforderung sein. Im günstigsten Fall könnten wir im ersten Quartal des nächsten Jahres gut die Hälfte des Weges zurückgelegt haben. Das ist ein angesichts des tiefen Einbruchs ein überschaubarer Zeitraum. Das erfordert aber auch, dass wir weiterhin konsequent wirtschaftspolitisch handeln.

Wie bewerten Sie denn die bisherigen politischen Maßnahmen?

Man muss dabei immer vom Problem ausgehen. Das war im März ein kombinierter Angebots- und Nachfrageschock. In einer solchen Situation muss man zunächst die Angebotsprobleme lockern und überbrücken, indem man Kredite gewährt, Kurzarbeitergeld anbietet und Ähnliches mehr. Das ist weitgehend gemacht worden. Wenn der Produktionsapparat sich dann wieder als flexibel erweist, hat man mit Unterauslastungsprobleme zu kämpfen. Deswegen wird jetzt zurecht über Nachfragepolitik als Ergänzung zur Angebotspolitik diskutiert. Insofern glaube ich, dass hier noch Spielraum ist.

Welche Maßnahmen müsste die Politik noch ergreifen?

Einmal ist es wichtig, den Verlustrücktrag zu verbessern, betragsmäßig nicht mehr zu deckeln oder sogar eine Negativsteuer für Unternehmen einzuführen. Steuerliche Regelungen wie die Mindestbesteuerung oder die Zinsschranke, die in dieser Krise besonders negativ sind, sollte man aussetzen. Dazu sollte man degressive Abschreibungen, Sonderabschreibung oder eine einmalige steuerfreie Rücklage ermöglichen, um auch für die nahe Zukunft noch eine Abfederung zu schaffen. Neben steuerlichen Maßnahmen sollten auch Nachfrageimpulse gesetzt werden. Dazu könnte eine einmalige Erhöhung des Kindergeldes gehören, die befristete Senkung des allgemeinen Satzes der Mehrwertsteuer, eine befristete Absenkung der EEG-Umlage oder eine mögliche Ausweitung des Umweltbonus auf andere Antriebe. Alle Maßnahmen müssen dabei aber eingebettet sein in eine Investitionsstrategie, die langfristig auf Wachstum und die Modernisierung des Kapitalstocks ausgerichtet ist. Es gibt also drei Blöcke, auf die sich die Politik konzentrieren sollte: Steuerpolitik, Nachfragepolitik und Investitionsstärkung.

Inwiefern wird die Politik in diesen Bereichen auch aktiv?

Bei Steuermaßnahmen ist man bislang am zögerlichsten, obwohl der Konsens da relativ weitreichend ist. Die Frage der Investitionspolitik ist nicht wirklich strittig, das wurde auch in 2019 bereits intensiv diskutiert. Der Teil der Nachfragepolitik ist allerdings immer eine besondere Herausforderung, denn sie muss zeitlich so kalibriert werden, dass sie auch wirklich wirkt. Die Erfahrungen dazu hat man eigentlich bereits an der Hand. Denn die Konjunkturmaßnahmen von 2009 waren in der Summe durchaus passend und zielführend. Zum Beispiel waren die Kaufprämien – das zeigen die Studie der Kollegen des IWH Halle – konjunkturpolitisch effektiv.

Sollte man die Kaufprämie denn dann auch auf andere Branchen ausweiten?

Eine Ausweitung auf andere Güter wäre schwierig. Autos haben zwar eine Importquote von 36 Prozent, allerdings ist diese niedriger als beispielsweise bei Waschmaschinen oder Fernsehern. Wenn man einen spezifischen Anreiz mit einer befristeten Senkung der Mehrwertsteuer oder einem Kindergeld-Bonus oder der Absenkung der EEG-Umlage kombiniert, gibt man insgesamt genug Raum für mehr eine konjunkturelle Stärkung.

Zum Interview auf capital.de