Herr Hüther, worauf beruhen die Hoffnungen, dass 2020 besser wird als 2019?

In unserer Volkswirtschaft gibt es viele stabilisierende Faktoren: einen robusten Konsum dank der robusten Arbeitsmarktverfassung. Dazu eine stabile Bauwirtschaft mit guter Auftragslage, und bei der Industrie-Rezession sehen wir eine Bodenbildung, wie auch der steigende Ifo-Index zuletzt zeigte. Aber eine Entwarnung gibt es nicht.

Warum nicht? Verliert der Protektionismus nicht gerade an Schrecken, auch weil US-Präsident Donald Trump seine Worte und Taten angesichts der angestrebten Wiederwahl ändert?

Nein, das glaube ich nicht. Wir sind vielmehr in einer erschöpften Globalisierungsphase. Ein Ende der globalen Konflikte wird es nicht geben. Es sind Konflikte zwischen den großen Mächten USA, China und Russland – auch Europa wird daran beteiligt sein. Diese Auseinandersetzungen bleiben uns unabhängig vom Ausgang des aktuellen Handelskonflikts erhalten. Sie bringen Sand ins Getriebe der Globalisierung mit negativen Auswirkungen auf das Wachstum. Die Globalisierung, wie wir sie fast drei Jahrzehnte erlebt haben, wird so schnell nicht wiederkommen.

Das heißt, Sie sehen für 2020 keine Signale für einen neuen Aufschwung?

Nein. Wir haben es mit einer Konjunkturschwäche zu tun, die eine längere Wachstumsschwäche einleitet. Daran ist die demografische Entwicklung beteiligt, aber auch die Handelskonflikte und die Herausforderungen des strukturellen Wandels in Richtung Digitalisierung und einer kohlenstofffreien Wirtschaft. Dafür müssen die Unternehmen neue Geschäftsmodelle entwickeln, wodurch viel Unsicherheit entsteht. Sie schwächt den Wachstumstrend. Im nächsten Jahrfünft werden wir Wachstumsraten von real einem halben bis einem Prozent erleben und nicht mehr von eineinhalb bis eindreiviertel Prozent, wie in den vergangenen Jahren. Wir stehen vor einer Halbierung des Wachstumstrends.

Herr Hüther, vielen Dank für das Interview.

Das Interview auf handelsblatt.com