Herr Professor Hüther, die deutsche Wirtschaftspolitik wurde einmal weltweit bewundert. Vergangenheit. Dennoch läuft es rund. Auch Firmen in Südhessen müssen bereits Aufträge ablehnen. Wie passt das?

Die deutsche Wirtschaft läuft erstaunlich robust und wie am Lineal gezogen bergauf. Der Beschäftigungsaufbau überspringt Rekorde, die Auftragsbücher sind voll und auch die Unternehmer haben wieder Mut geschöpft. Das zeigt sich in der vermehrten Investitionstätigkeit. Der Strukturwandel funktioniert in beide Richtungen: Der Schrumpfung stehen dynamische Zuwächse an anderer Stelle gegenüber. Langfristig kann das nur funktionieren, wenn die Politik die notwendigen Leitplanken bereitstellt.

Wirtschaftsboom und Jobrekorde auch durch den erstarkten Konsum haben in den Augen vieler gleichwohl den Charakter von Windfall-Profits. Wie lange kann so etwas gut gehen?

Ein robuster Aufschwung über alle Kanäle – Konsum, Investitionen, Außenhandel – stabilisiert sich zunehmend selbst, wenn ein anhaltender Beschäftigungsaufbau dazukommt. Die gute wirtschaftliche Lage ist dabei keinesfalls eine zufällige Gegebenheit. Vielmehr erntet die deutsche Wirtschaft heute die Früchte der teils schmerzlichen, aber in erster Linie mutigen Agenda-Politik, zudem trägt die Stabilität des Industrie-Dienstleistungsverbundes. Dass der Reformeifer in einer großen Koalition merklich weniger stark ausgeprägt ist und sich die Regierung in den vergangenen Jahren mehr an rentenpolitischen Geschenken als an zukunftsorientierter Wirtschaftspolitik interessiert gezeigt hat, ist gerade in Anbetracht des Wandels, den Demografie und Digitalisierung mit sich bringen, beunruhigend.

Was erwarten Sie 2018 und 2019?

Wirtschaftspolitisch werden die kommenden Jahre wohl unter dem Motto „Weiter so“ stehen. Die aktuellen Trends könnten sich damit verstärken: Immer mehr Unternehmen werden auf Schwierigkeiten stoßen, qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen, während hohe Tarifabschlüsse die Lohnstückkosten in Deutschland ansteigen lassen. Vielleicht werden wir aber auch überrascht und die neue Regierung ringt sich durch, ein Zuwanderungsgesetz zu beschließen, und wagt es, auf der europäischen Bühne eine progressive Koalition mit Herrn Macron einzugehen.

Die Leistungsfähigkeit im ausbalancierten Zusammenspiel zwischen einem global einmaligen Mittelstand und den starken industriellen Kernen ist ein Pfund, um im Export weiter die Muskeln spielen zu lassen. Aber die Digitalisierung bringt viele Geschäftsmodelle ins Schwanken. Wo steht Deutschland hier?

In der Tat steht die mittelständisch geprägte Industrie im Zentrum der deutschen Wirtschaft. Überall auf dem Land finden sich sogenannte „Hidden Champions“, die Nischenmärkte global dominieren. Solche Unternehmen blicken teilweise auf eine sehr lange Unternehmensgeschichte zurück. Mit anderen Worten: Die kennen sich aus mit Wandel, denn der ist Teil der Unternehmens-DNA. Natürlich birgt die Digitalisierung in hohem Maße Gefahren, aber wir können beruhigt sein, dass die Unternehmer darum wissen. Nirgendwo außerhalb von Europa hat es die Industrie geschafft, ihre Lieferketten so eng mit Dienstleistungen – auch mit digitalen Dienstleistungen – zu verweben. Digitalisierung wirkt in Deutschland mehr inkrementell als disruptiv.

Aber Deutschland ist als Breitband-Entwicklungsland unterwegs. Was muss die neue Bundesregierung beim Punkt Infrastruktur unbedingt nachholen?

Nur 42 Prozent der deutschen Unternehmen mit mehr als zehn Beschäftigten verfügten 2017 über einen schnellen Internetanschluss. Im Gegensatz zu anderen Ländern, spielt die Musik in Deutschland nicht nur in den großen Agglomerationsgebieten. Vielleicht ist es nicht notwendig, dass Konsumenten in jedem Winkel der Republik in Höchstgeschwindigkeit Videodateien hoch- und runterladen können. Wenn wir aber die Potenziale von Industrie 4.0 ausschöpfen wollen – also die digitale Kommunikation zwischen Maschinen –, dann müssen Informationen eben auch vom Schwarzwald in Echtzeit ins Sauerland gelangen. Der Finanzminister hat ausreichend Mittel für einen Breitbandausbau. Warum er sie nicht endlich nutzen sollte, ist vollkommen schleierhaft.

Und was ist an Entlastungen möglich, so lange die Steuereinnahmen sprudeln?

Die Bundesregierung hat in vielerlei Hinsicht die Möglichkeit, Unternehmen und Arbeitnehmer zu entlasten. Der Solidaritätszuschlag war als befristete Abgabe mit klarem Finanzierungszweck gedacht. Will die Regierung ihre steuerpolitische Glaubwürdigkeit nicht vollends verspielen, dann muss sie den Soli vollständig abschaffen. Zudem ist es schon an der Zeit, sich an die kalte Progression heranzuwagen. Denn auch hier agiert der Staat gewissermaßen verdeckt.

Wäre es nicht auch sinnvoll, angesichts des Innovations-Wettlaufs mehr Anreize für Forschung und Entwicklung zu setzen?

Die deutsche Wirtschaft agiert hocherfolgreich in regionalen Clustern und überrascht immer wieder mit innovativen Ideen. Im Vergleich mit Unternehmen in anderen Ländern ist Forschung und Entwicklung hierzulande jedoch verhältnismäßig unattraktiv. Eine steuerliche Forschungs- und Entwicklungsförderung ist heutzutage Standard, in der Bundesrepublik sucht man nach ihr jedoch vergeblich.

Der Wohlstand hierzulande fußte bislang auf dem Zusammenspiel aus effizienter Marktwirtschaft und bezahlbarem Sozialstaat. Menschenleere Fabriken, 3-D-Druck, das Internet der Dinge, das ist die Zukunft. Und damit Millionen Menschen ohne Job?

Die Angst vor menschenleeren Fabriken grassiert nicht zum ersten Mal. Wie wir heute wissen, war die Angst damals unberechtigt. Die Digitalisierung bringt Umbrüche mit sich und wird wie die Automatisierung zu Veränderungen am Arbeitsplatz führen. Wie erfolgreich die Prozesse durchlaufen werden können, ist dabei steuerbar und liegt letztlich daran, wie effektiv Weiterbildungsangebote für die Arbeitnehmer bereitgestellt werden. Dass sich in zehn oder 20 Jahren ein Großteil der Bevölkerung in der Arbeitslosigkeit wiederfindet, erscheint sehr unwahrscheinlich.

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