"Die Ängste vor Digitalisierung sind unbegründet!" Image
IW-Direktor Hüther zeigt sich in einem auf Linkedin veröffentlichten Interview digitalptimistisch. Foto: Ryan Balderas/iStock

Sie beschreiben die „digitale Transformation“ als einen Zustand zwischen Produktivitätsrätsel und Wachstumshoffnung. Was genau ist damit gemeint?

In der letzten Dekade ist zu beobachten, dass sich in den großen Volkswirtschaften der Welt das Produktivitätswachstum massiv verlangsamt hat. Bei Produktivität wird die Menge an Gütern gemessen, die der Einsatz von Arbeitern und Kapital in einem festen Zeitraum erstellen kann – hier gab es in letzter Zeit keine wesentlichen Verbesserungen. Auf der anderen Seite erhält die Digitalisierung in allen Lebens- und Produktionsbereichen immer stärker Einzug.

Auf den ersten Blick suggeriert der Befund, Digitalisierung beispielsweise in Form von in Echtzeit miteinander vernetzten Maschinen hätte keinen oder sogar einen negativen Effekt auf die Produktivität einer Volkswirtschaft.

Es zeigt sich jedoch in diversen Untersuchungen, dass die Übersetzung von mehr Digitalisierung zu einer höheren Produktivität Zeit braucht. Zunächst muss Infrastruktur wie beispielsweise schnelles Internet flächendeckend vorhanden sein.

Gesamtwirtschaftliche Produktivitätseffekte werden zudem erst sichtbar, wenn die Unternehmen vermehrt digitale Technologien in ihre Produktion integrieren. In diesem Übergang befinden wir uns aktuell – zwischen Abkühlen des Produktivitätswachstums bei gleichzeitig voranschreitender Implementierung digitaler Innovationen einerseits und einem digitalisierungsgetriebenen Anstieg der Produktivität in der Zukunft andererseits.

Welche ökonomischen Perspektiven böte die digitale Transformation in einer idealen Welt, in der alle Weichen zur richtigen Zeit gestellt wurden?

Neben der angesprochenen Notwendigkeit von passender digitaler Infrastruktur und der Implementierung in den Unternehmen, ist für effizientes Wirtschaften auch ein neuer digitaler ordnungspolitischer Rahmen nötig. Werden täglich Datensätze von bis vor kurzem ungeahntem Ausmaß generiert, muss beispielsweise geklärt werden, wo die Datenrechte in der digitalen Welt verortet sind.

Gerade in der für Deutschland so wichtigen Industrie 4.0 ist die Zuweisung der Rechte für maschinenbezogenen Daten elementar. Welche Anspruchsgruppe legitime Ansprüche auf die in den unterschiedlichen Teilen der Wertschöpfungskette generierten Daten vorweisen kann, ist nur in einem offenen Diskurs zu eruieren. Eine passende Lösung kann hierbei durchaus branchenspezifische Unterschiede beinhalten und entsprechend Standards definieren.

Besonders dringend ist die Suche nach einer digitalen Ordnungspolitik blickt man auf die Quasimonopolisten, die Googles der digitalisierten Welt. Die Regulierung in dynamischen Märkten muss flexibel bleiben sowie berechtigte Bedenken und Anliegen der unterschiedlichen Akteure abwiegen. Konzepte aus der analogen Welt wie die gebräuchliche Abgrenzung von Märkten und Marktmacht können unter Umständen nicht in die digitale Welt übertragen werden. Eine digitale Ordnungspolitik steht erst am Anfang.

Wie verhält es sich in der Realität?

Aktuell sind gerade bei der Infrastruktur und mit den ungeklärten Rechtsfragen noch bedeutende Baustellen offen. Diese müssen zeitnah angegangen und gelöst werden, damit Deutschland gestärkt aus der digitalen Transformation hervorgeht. Dabei ist keineswegs ausschließlich die Politik gefragt.

Auch die Unternehmen müssen sich mehr auf diesen Prozess einlassen und ihn aktiv mitgestalten. Studien zeigen, dass bei den deutschen Maschinen- und Anlagenbauern zwar knapp ein Fünftel der Unternehmen fortgeschrittene Ansätze bei der Digitalisierung aufweisen, jedoch gerade einmal ein Prozent der Unternehmen Digitalisierungsexperten sind.

Hier ist noch viel Luft nach oben. Das zeigt sich auch, betrachtet man die schwache Investitionstätigkeit von Unternehmen und Staat. Die schlechte Infrastruktur bremst gerade in ländlichen Gebieten die konsequente Adaption digitaler Innovationen und Technologien. Das ist besonders für den dezentral angesiedelten und doch hochvernetzten deutschen Mittelstand bedeutsam.

Dieser bietet im Prinzip eine gute Ausgangsposition für den digitalen Strukturwandel. Um diese nicht zu verspielen sind Politik und Unternehmer gleichermaßen gefordert. Agieren beide Hand in Hand kann der Strukturwandel aktiv gestaltet werden, Deutschland ginge gestärkt aus dem Prozess der digitalen Transformation hervor.

Wo sehen Sie das digitale Deutschland in zehn Jahren?

Die Digitalisierung wird im Jahr 2026 in allen Lebens- und Arbeitsbereichen noch viel präsenter sein als heute schon. Im privaten Bereich werden beispielsweise Apps das Leben in vielen Bereichen noch komfortabler und einfacher machen. Wir alle werden wohl wesentlich mehr digitale Helferlein benutzen als heute.

Schaffen es Politik und Unternehmen, die Weichen wie erläutert richtig zu stellen, werden wir uns im internationalen Wettbewerb behaupten können und Wohlfahrtsgewinne realisieren. Auch mit Blick auf die Arbeitskräfte sehe ich ein positives Bild: Aktuell ist häufig in den Medien zu lesen, dass Maschinen und Roboter von Menschen ausgeführte Arbeiten nahezu vollständig übernehmen werden.

Bei einer emotionsfreien Analyse zeigt sich jedoch, dass zwar einige Berufe ersetzt werden könnten, beispielsweise durch selbstfahrende U-Bahnen und Autos, aber an anderer Stelle eine erhöhte Nachfrage nach bestimmten Tätigkeitsfeldern wie Programmierern, Entwicklern und Vernetzern entsteht.

An der Gesamtzahl der Arbeitsplätze wird sich durch die digitale Transformation wenig ändern, Verschiebungen zwischen den Berufen sind hingegen nicht ausgeschlossen. Schlüsselqualifikationen wie beispielsweise Kompetenzen im IT-Bereich werden unabhängig vom Beruf bedeutender. Mit Bezug auf die Arbeitsplätze in Deutschland bietet die Digitalisierung sogar das Potenzial in Teilbereichen wie den Pflegeberufen dem demografischen Wandel entgegenzuwirken.

Worauf muss sich ein Firmeninhaber in der Industrie in den nächsten fünf Jahren einstellen?

Der deutsche Wettbewerbsvorteil ist hier die hohe Vorleistungs- und Wissensvernetzung zwischen Industrie und Dienstleistungen. Diese wird durch digitalisierte Wertschöpfungsketten noch einmal an Bedeutung gewinnen. Nutzt Deutschland seine aktuell starke Position, ergeben sich immense Potenziale für die Industrie.

Ausschlaggebend wird dann, inwiefern man es schafft, im internationalen Wettlauf um die digitalen Industrie-Kommunikations- und Datenstandards die Nase vorn zu haben. Hier konfligieren Standards der Datenkommunikation von Amerikanern, Deutschen und Koreanern, die derzeit unterschiedliche Systeme nutzen.

Eine Hilfe könnte die digitale Transformation beim Abfedern des demographisch bedingten Fachkräftemangels werden. Immer weniger körperliche Arbeit bedingt ein gewisses Potential für längere Lebensarbeitszeit. Hierfür müssen Firmeninhaber sich in der Zukunft noch mehr darauf einstellen, die eigenen Mitarbeiter während des gesamten Arbeitslebens fort- und weiterzubilden, um den wechselnden Anforderungen der fortschreitenden Digitalisierung passend begegnen zu können. Lebenslanges Lernen gewinnt weiter an Bedeutung.

Zum Interview auf linkedin.com

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Lernen und Arbeiten in der digitalen Welt
Veranstaltung, 11. Mai 2017

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Die Digitalisierung erschließt immer mehr Bereiche unseres Lebens und beruflichen Wirkens. Auf dem 62. Bildungspolitischen Treffen möchten wir mit Ihnen darüber diskutieren, welche Potenziale und Herausforderungen die Digitalisierung mit sich bringt und welche Ansatzpunkte sich für Politik, Wirtschaft und Forschung bieten. mehr

28. April 2017

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Für die exportorientierte Metall- und Elektro-Industrie ist eine kostengünstige Produktion zwingend notwendig, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Viele Unternehmen wollen deshalb ihren Materialeinsatz so effizient wie möglich gestalten – die digitale Vernetzung bietet dazu neue Möglichkeiten. mehr auf iwd.de

„Digitalisierung und Industrie 4.0 verändern schon jetzt den Arbeitsmarkt”
Interview, 25. April 2017

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Warum die Furcht vor einer neuen Massenarbeitslosigkeit übertrieben ist, wie groß das prognostizierte zusätzliche Wertschöpfungspotential für den Maschinen- und Anlagenbau ist und wie der Strukturwandel die qualifikatorischen Anforderungen an Arbeitnehmer verändert, erklärt IW-Geschäftsführer Hans-Peter Klös im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. mehr