Herr Röhl, wann wird die Stärke der mittelständischen Weltmarktführer zu ihrer Schwäche?

In der Regel werden sogenannte Hidden Champions durch einen hohen Grad an Spezialisierung so erfolgreich: Sie bieten in einer bestimmten Kategorie das weltweit beste Produkt an und können es mit guter Marge verkaufen. Oft hängen diese Unternehmen aber – von der Entwicklung über die Produktion bis hin zum Vertrieb – an einer kleinen Produktgruppe, manchmal an einem einzigen Produkt. Wenn dieses Produkt zum Beispiel durch eine digitale Innovation überholt wird, bricht ihr Markt zusammen.

Ein Hersteller von Kolbendichtungsringen für Dieselmotoren könnte sich darüber ja rechtzeitig Gedanken machen, oder?

Die meisten mittelständischen Weltmarktführer denken intensiv über das Thema nach. Denn zu ihren Stärken gehört, dass sie ihren Markt und die technischen Entwicklungen dort extrem gut kennen. Aus Sicht eines solchen Unternehmens stellen sich bei starken Veränderungen in seiner Nische zwei Fragen: Lässt sich der Markt verteidigen oder gar erweitern, indem man sein Produkt zum Beispiel digital mit Sensoren aufrüstet und die Steuerungssoftware dazu entwickelt? Dank ihrer Erfahrung kann die Firma unter Umständen weiter eine hervorragende Ware anbieten und diese dank ihrer über lange Zeit gewachsenen Kundenbeziehungen auch weiter weltweit gut vertreiben. Das passiert heute zum Beispiel immer wieder in der Medizintechnik. Die Kernkompetenz ist dann nicht Ballast, sondern die Basis der Weiterentwicklung.

Und wie lautet die zweite Frage?

Bricht ein Markt tatsächlich weg, weil die Technologie überholt oder politisch nicht mehr gewollt ist? Dann muss sich der Champion unter Umständen komplett neu erfinden und überlegen: Welche meiner alten Kompetenzen helfen mir, auf einem neuen Markt wieder erfolgreich zu werden? Das ist natürlich viel schwieriger. Denn die traditionellen Stärken nützen wenig bis nichts für den Neustart. Hilfreich ist allenfalls die DNA des Unternehmens. Damit meine ich eine Kultur oder Tradition der Innovation, die auch auf anderen Geschäftsfeldern oder mit anderen Technologien auf die Erfolgsspur führen kann.

In einer solchen Situation befinden sich heute Anbieter von Dieseltechnik – wie sollen sie ihr Wissen auf einen Markt für Elektromotoren übertragen, wo sich bereits jede Menge Spezialisten tummeln?

Die großen Automobilkonzerne können sich anpassen, indem sie E-Autos verkaufen. Die Zulieferer hingegen bleiben wegen ihrer Pfadabhängigkeit auf der Strecke – so jedenfalls die verbreitete Meinung. Doch wenn wir auf die Daten schauen, sehen wir: Den Hidden Champions geht es trotz Spezialisierung und technischem Wandel blendend. Sowohl die Zahl dieser Unternehmen als auch ihre Umsätze wachsen. Und was den Verbrennungsmotor angeht: Der wird uns noch eine ganze Zeit erhalten bleiben. Die Bedrohung scheint zurzeit eher theoretischer Natur. Das muss freilich nicht so bleiben.

Wo sehen Sie Gefahren?

Wir haben viele sehr erfolgreiche Hersteller von Spezialteilen aus Metall als Zulieferer im Maschinenbau, oft in kleiner Stückzahl. Die sind durch 3D-Druck klar bedroht. Viele dieser Firmen erkennen das und schwenken selbst auf die neue Technik um. Aber es ist dennoch gut möglich, dass man schlicht keine Zulieferer mehr in diesem Bereich braucht. Hier wird es in den kommenden Jahren spannend: Wer schafft es, sich auf dem wachsenden Markt für 3D-Druck mit welchen Produkten und Geschäftsmodellen zu etablieren? Und wer schwenkt nicht rechtzeitig um?

Oder aber zu früh? Denn die Wirtschaftsgeschichte lehrt: Oft erwischt es in Zeiten technischer Umbrüche Unternehmen, die zu früh aufs neue Pferd setzen. Es gewinnen diejenigen, die in der zweiten Welle aus den Fehlern der Vorreiter lernen.

Das ist gewiss so und erklärt auch, warum die erfolgreichen Mittelständler in Deutschland vielleicht weniger nervös sind als die Trendforscher. Der Kolbenhersteller auf der Schwäbischen Alb mit seinem angeblich vollkommen überholten Produkt wird vielleicht noch viel länger Wachstumsmärkte in Asien, Afrika oder Südamerika finden, als das Unternehmensberater vorhersagen, die Beratung zu digitaler Transformation verkaufen wollen. Es gibt aber auch klare Warnsignale. So nimmt die Innovationskraft der mittelgroßen Unternehmen in Deutschland zurzeit ab. Das belegen mehrere Studien. Innovation ist aber die Voraussetzung, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein, und zwar egal ob auf dem alten Pfad oder auf einem neuen. Offenkundig ist auch: Nur solange die Umsätze und Gewinne gut sind, haben die Unternehmen überhaupt den Spielraum, in Innovation zu investieren und damit Pfadabhängigkeit zu reduzieren.