Herr Röhl, „Rust Belt“, „abgehängte Region“, „Armenhaus“, „Sanierungsfall“: Alle diese Begriffe wurden zuletzt zur Beschreibung des Ruhrgebiets benutzt. Welcher trifft es am besten?

Solche plakativen Zuschreibungen sind immer schwierig, aber „Rust Belt“ trifft es wegen der abgerissenen Industriegeschichte wohl am ehesten. Für bestimmte Regionen stimmt auch „abgehängt“, aber nicht für das dicht besiedelte Ruhrgebiet.

Und „Armenhaus“?

Mit Begriffen wie arm und reich trifft man es in Bezug auf die Bevölkerung nur begrenzt, das haben wir auch in unserer Studie deutlich gemacht. Die Kaufkraft ist sicher niedriger als etwa in München, arm sind hier aber vor allem die Kommunen.

Steht es wirklich so schlimm ums Ruhrgebiet? Woran zeigt sich die Krise?

Die Arbeitslosigkeit liegt im Ruhrgebiet bei 8 bis 10 Prozent, in einigen Städten sogar noch darüber. Das gibt es in Westdeutschland sonst nur in Bremerhaven. Auch die Quote der Sozialleistungsempfänger ist sehr hoch. Außerdem ist das Bruttoinlandsprodukt deutlich niedriger als im Bundesdurchschnitt.

Es gibt im Ruhrgebiet zahllose Hochschulen, viele Menschen, Konzerne, etwa Thyssenkrupp, haben hier ihren Sitz, Förderprogramme haben das Ende der Steinkohle abgemildert. Was ist das Problem?

Man muss genauer hinschauen. Gemessen an der Einwohnerzahl, immerhin 5,1 Millionen Menschen, ist die Zahl der Studenten nur durchschnittlich. Einige große Unternehmen haben hier ihren Sitz, aber gemessen an der Größe des Ballungsraums sind es relativ wenige. Insgesamt ist es mit all den Maßnahmen nicht gelungen, an die Erfolge der Altindustrie anzuknüpfen und eine neue Wachstumsstory zu finden.

Woran liegt das?

Man hat zu lange in den Rückspiegel geschaut. Es wurde hier sehr viel geistige und finanzielle Energie darauf verwendet, die alten Industrien möglichst lange fortzuführen, Kohle und Stahl, anstatt den Blick nach vorne zu richten.

Sie beschreiben massive politische Versäumnisse.

Ja, vor allem wirtschaftspolitische Versäumnisse über Jahrzehnte. Besonders gravierend in den Neunzigerjahren, da ging der Fokus komplett Richtung Ostdeutschland. Im Ruhrgebiet entstanden massive infrastrukturelle Defizite: Schauen Sie zum Beispiel auf die nicht vollendeten Autobahnen, die dann einfach in Stadtstraßen auslaufen, oder die endlosen Verzögerungen beim Ruhrexpress. Wir stehen hier bei der Infrastruktur vor großen Problemen.

Förderprogramme für das Ruhrgebiet gab es viele. Wie kann man sicherstellen, dass sie diesmal etwas bringen?

Im Moment ist das Problem, dass die Kommunen wegen der hohen Schulden so hohe Gewerbesteuersätze erheben, dass sie Unternehmen damit abschrecken. Ein Entschuldungsprogramm, das mit Auflagen verbunden wäre, würde dafür sorgen, dass sie in diesem Bereich mehr Spielraum hätten und Unternehmen ansiedeln könnten. Für die hohe Zahl an Langzeitarbeitslosen bräuchte es Qualifizierungsprogramme. Außerdem müsste der Gründergeist gefördert werden. Das Ruhrgebiet ist zwar mittlerweile eine Start-up-Region, aber da ist noch sehr viel Potenzial.

Das alles kostet viel Geld. Andere Regionen, vor allem in Ostdeutschland, werden auf ihre Probleme verweisen und ebenfalls auf Förderung dringen. Wie vermeiden Sie Neiddebatten?

Die lassen sich nicht gänzlich vermeiden. Wichtig ist, dass man nicht mehr pauschal nach Himmelsrichtung, sondern gezielt mit Blick auf die jeweiligen Probleme fördert. Lange Zeit wurde die Regionalförderung pauschal an die Schaffung von Arbeitsplätzen geknüpft. Das wäre im Ruhrgebiet nach wie vor sinnvoll - in Ostdeutschland hingegen, wo die Arbeitslosenquoten niedriger sind und die Bevölkerung schrumpft, muss es eher um Qualifikation und Innovationen zur Steigerung der Produktivität gehen. Wichtig ist auch die Breitbandversorgung in der Fläche. Und für diese Ziele lohnt es sich dann auch, viel Geld in die Hand zu nehmen.