„Sinkt das Vertrauen, steigen die Konditionen“ Image
Jürgen Matthes, Quelle: Bildschön

Welche Faktoren spielen Ihrer Meinung nach bei der Beeinflussung des Finanzmarktes eine Rolle und wie wirken sie sich aus?

Ein wichtiger Faktor ist die Konjunktur eines Landes. Wenn die Konjunktur anzieht, geht dies in der Regel mit höherer Konsum- und Kreditnachfrage einher. Eine höhere Nachfrage bedeutet tendenziell, dass sich die Zinsen für kurzfristige Kredite verteuern. Wenn die Inflation im Konjunkturboom zu steigen beginnt, wird die Zentralbank die kurzfristigen Zinsen weiter anheben. Auch die langfristigen Zinsen können bei anziehender Inflation zunächst steigen, weil die Anleger fürchten, dass die Preissteigerung ihnen auf längere Sicht schadet. Es gibt aber auch gegenläufige Effekte. Denn gleichzeitig spiegelt die Konjunktur auch die Wirtschaftslage eines Landes wider. Das heißt, wenn es mit der Wirtschaft bergauf geht, sinkt das Risiko des Ausfalls langfristiger Kredite, weil es Unternehmen und Staat besser geht. Die Risikoprämie, sprich der Zins für langfristige Kredite an Firmen und an den Staat sinkt. Neben der Konjunktur spielt auch die grundsätzliche Bonität eines Landes eine wichtige Rolle. Dieser Faktor wird auch als Länderrisiko bezeichnet. Das beste Beispiel hierfür sind Staatsanleihen. Sinkt beispielsweise das Vertrauen in die Finanzkraft und Reformfähigkeit eines Landes, kann es nur zu erhöhten Konditionen Geld aufnehmen, Staatsanleihen also nur mit einem höheren Risikoaufschlag emittieren.

Studienkredite sind an den Geldmarkt gebunden, der Markt für kurzfristige Geldbeschaffung. Als Vergleichszins dient in der Regel der 6 Monats-Euribor des Interbankenmarktes. Welche Faktoren sind hier derzeit sehr prägnant?

Der Interbankenmarkt funktioniert zurzeit wegen der Krise in der Eurozone nicht richtig und wird deshalb vor allem durch die Geldpolitik der EZB beeinflusst. Aufgrund der derzeitigen finanziellen Situation der europäischen Staaten und der aktuellen konjunkturellen Lage Europas befindet sich der Leitzins auf Rekordtief. Mit Liquiditätsspritzen soll zudem gewährleistet werden, dass Banken ausreichend liquide sind um Unternehmen und Haushalte mit Krediten zu versorgen. Aber das gelingt gerade in Südeuropa nicht genug.

Wenn wir schon bei dem Thema Schuldenstaaten sind, möchte ich gerne kurz auf Griechenland zu sprechen kommen. Mir ist klar, dass eine Prognose der Zinsentwicklung einem Blick in die Glaskugel gleichkommt, aber welche möglichen Szenarien gibt es mit Blick auf einen möglichen Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone?

Wenn Griechenland in der Euro-Zone verbleibt, wird es auf die Entwicklung dort und in den Krisenstaaten ankommen, ob die Zinsen dort allmählich wieder sinken. Andernfalls wird diesen Ländern der Weg aus der Rezession durch überhöhte Zinsen sicherlich erschwert. Sollte Griechenland hingegen austreten, ist die entscheidende Frage, welche Folgen das in Bezug auf Italien und Spanien hat. Kommt es hier zu gravierenden Ansteckungseffekten in der Furcht, dass Griechenland nur der erste Dominostein ist, der fällt. Oder würde der Austritts Griechenland vom Finanzmarkt vielleicht als Befreiungsschlag für beide Seiten gesehen. Wir wissen es leider nicht.

Zum Interview auf Handelsblatt.com

Ansprechpartner

Free Trade between Europe and Japan – hope for global prosperity
Gastbeitrag, 20. Juni 2017

Hubertus Bardt on KKC International Platform Free Trade between Europe and Japan – hope for global prosperityArrow

In an environment with growing protectionism and the danger of economic disintegration and shocks for the global trade policy system, a free trade agreement between Japan and Europe could set a positive example. Progress in the negotiations are necessary to foster growth and prosperity and to send a message to other countries, that modern market economies rely on good trade relations. mehr

20. Juni 2017

Interview mit Tobias Paulun „Mit einem liquiden Markt sollte man nicht spielen“Arrow

Damit die EU eines Tages eine Energieunion mit grenzüberschreitendem Handel und einer gemeinsamen Energiepolitik wird, hat die EU-Kommission in ihrem neuen „Strommarktdesign“ unter anderem vorgeschlagen, die Preiszonen im Strommarkt neu zu definieren. Was die European Energy Exchange (EEX) davon hält, erläutert Tobias Paulun, Mitglied des EEX-Vorstands, im iwd. Zunächst aber erklärt er, was die Energiebörse in Leipzig überhaupt macht. mehr auf iwd.de

Brexit
IW-Nachricht, 19. Juni 2017

Jürgen Matthes Brexit: Missverständnisse vermeidenArrow

Fast ein Jahr nach dem Referendum beginnen heute die Brexit-Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU. Die Lage scheint vertrackt, doch in der öffentlichen Debatte wird die bisherige Position der britischen Regierung häufig missverstanden – und damit auch die Chancen für konstruktive Verhandlungen übersehen. mehr