Herr Pimpertz, das niederländische Rentensystem ist hochgelobt, nicht zuletzt dank seiner großzügigen Grundrente. Wäre es für Deutschland eine Alternative zum derzeitigen Modell?

Man kann das niederländische Rentenmodell meiner Meinung nach nicht einfach auf Deutschland übertragen. Die niederländische Grundrente entspricht in ihrer Funktion eher der deutschen Grundsicherung, nur ohne Bedürftigkeitsprüfung. Sie ist aber anders als die Grundsicherung beitrags- und nicht steuerfinanziert – übrigens ohne Beteiligung der Arbeitgeber.

Die Niederländer bekommen allerdings im Schnitt eine höhere Rente.

Kaufkraftbereinigt ist der Unterschied zwischen der deutschen Grundsicherung und der niederländischen Grundrente eher gering. Die Lebensstandardsicherung erfolgt dagegen in den Niederlanden ausschließlich über kapitalgedeckte Systeme der betrieblichen und privaten Vorsorge, während die beitragsbezogene, gesetzliche Rente hierzulande zumindest zur Sicherung des Lebensstandards beiträgt. Mittlerweile ist klar: Eine Grundrente kommt auch in Deutschland, aber in abgeschwächter Form. Die Große Koalition will bei Menschen, die mindestens 35 Jahre gearbeitet haben, aber nur eine geringe Rente erzielen, ab dem Jahr 2021 aufstocken.

Könnte sich Deutschland denn eine Grundrente wie in den Niederlanden leisten?

Wir können uns das vielleicht leisten, aber wollen wir es auch? Eine Grundrente würde in Deutschland steuerfinanziert sein, weil sie die Grundsicherung ablösen würde. Dazu müssten die Steuern spürbar steigen oder andere Ausgaben eingespart werden. In den Niederlanden funktioniert die Grundrente anders. Nach Erreichen der Regelaltersgrenze hat jeder Niederländer Anspruch auf die Grundrente – also auch Bürger, die nie gearbeitet haben. Dort ist aber zum Beispiel ein vorgezogener Grundrentenbezug nicht möglich, wobei bereits im nächsten Jahr eine Altersgrenze von 67 Jahren gilt. All das zeigt: Das niederländische Modell basiert auf einem grundlegend anderen Konsens. Denn wer in Deutschland lebenslang in Vollzeit gearbeitet hat, bekommt in der Regel deutlich mehr Rente, als eine Grundsicherung bringen würde.

Dafür nimmt die deutsche Gesellschaft momentan in Kauf, dass Menschen, die egal aus welchen Gründen nicht gearbeitet haben, im Alter nur sehr wenig Geld zum Leben haben. Wie gehen die Niederlande damit um?

Die Grundrente in den Niederlanden wird erst nach 50 Jahren Wohnsitz im Inland in voller Höhe gezahlt, ein großes Problem für Einwanderer. Denn für jedes Jahr, das ein angehender Rentner nicht im Land gelebt hat, zieht der Staat zwei Prozent von seiner Grundrente ab. Reicht die Rente schlussendlich nicht zum Leben, springt eine bedürftigkeitsgeprüfte, steuerfinanzierte Sozialhilfe ein, ähnlich wie in Deutschland. Auch das niederländische System stößt hier also an Grenzen.

Abgesehen von der Grundrente loben viele Politiker die Niederlande für ihre betriebliche Altersvorsorge (bAV), in die fast alle Arbeitnehmer verbindlich einzahlen müssen. In Umfragen sprechen sich insbesondere junge Deutsche für ein ähnliches Modell aus.

Würde man junge Arbeitnehmer stattdessen fragen, ob sie zum Beispiel auf 200 Euro im Monat verzichten wollen, fiele die Antwort möglicherweise anders aus. Wenn wir ein solches Modell diskutieren, sollte es zumindest die Möglichkeit geben, auf eigenen Wunsch eine alternative Vorsorge zu treffen – wie zum Beispiel in Großbritannien. Eine verpflichtende Vorsorge muss außerdem immer auch die Mindesthöhe und das verbindliche Einstiegsalter regeln. Aber nicht jeder will in jungen Jahren schon vorsorgen, zum Beispiel weil die Berufsbildung Vorrang hat.

Andererseits ist die hohe Vorsorgequote einer der Gründe, warum die Niederländer im internationalen Rentenvergleich so gut abschneiden. Ist ein Vorsorge-Zwang nicht zum Besten der Bürger?

Eine verpflichtende bAV erhöht zwangsläufig den Anteil der Vorsorgenden, zumindest auf dem Papier. Ob damit aber mehr oder nur anders vorgesorgt würde, bleibt fraglich. Oft zahlt in einem Haushalt der Hauptverdiener auch das meiste in die Altersvorsorge ein. Im Alter leben aber zwei Menschen davon. Das erklärt, warum trotz vieler niedriger Renten weniger als drei Prozent der gesetzlichen Rentner auf ergänzende Grundsicherung angewiesen sind.

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