In Teilen der Öffentlichkeit, sei es von Politikern oder Journalisten, wird immer wieder der Vorwurf erhoben, der industrielle Mittelstand hinke bei der Digitalisierung der Produktion hinterher. Sehen Sie das auch so?

Ich verstehe den Vorwurf nicht so ganz. Schon nach einer Studie vom Herbst 2015 sahen neun von zehn Maschinenbauunternehmen deutliche Chancen, sich mit Industrie 4.0 am Markt zu differenzieren. Im Maschinenbau befassten sich seinerzeit bereits knapp 60 Prozent der Unternehmen mit Industrie 4.0, davon rund ein Drittel intensiv. Sie zählen damit zu den fortgeschrittenen Anwendern. Deutsche Maschinenbauprodukte bestehen bereits zu rund einem Drittel aus Software und aus Automatisierungstechnik. Erfahrungen mit Cyber Physical Systems als Kern von Industrie 4.0 werden schon seit etwa 2011 gesammelt. Die weltweite Marktführerschaft im Bereich Embedded Systems und Automatisierungstechnik gilt als einer der Gründe dafür, dass das exportorientierte deutsche Geschäftsmodell weltweit erfolgreich ist und der Maschinenbau dabei ein Innovationsführer ist.

Gibt es ein Geheimnis für diesen Erfolg?

Gerade wegen seiner Fähigkeit, ein industrielles Ökosystem mit einer engen Verzahnung von Grundlagenforschung, anwendungsnaher Forschung und patentstarken Unternehmen vorzuhalten, ist Deutschland besonders erfolgreich bei der Bewältigung industrieller Komplexität von der Erfindung bis zur hybriden Dienstleistung rund um das Produkt oder die Anlage herum. Der Maschinen- und Anlagenbau spielt in diesem Ökosystem eine entscheidende Rolle.

Wo sehen Sie Chancen für neue Geschäftsmodelle?

Die Plattformökonomie, die bisher stärker für neue Geschäftsmodelle für den Endkonsumenten stand, entwickelt sich nach und nach auch zu neuen digitalen Geschäftsmodellen mit anderen Industrien über die gesamte Leistungspalette des Maschinenbaus hinweg. Diese Industrie-4.0-Plattformen und die neuen Marktplätze für industrielle Güter und Services erhöhen noch einmal die Komplexität der gesamten industriellen Wertschöpfungskette, helfen aber dem Kunden, über die Plattform alles zu bekommen, was mit der einzelnen Maschine oder Anlage zusammenhängt, also etwa Wartung, Zubehör, Ersatzteile, Logistik, Finanzierung und Software.

Diese komplexe Leistungserstellung setzt aber auch die Verfügbarkeit entsprechend qualifizierter Arbeitskräfte voraus.

Ja. Und angesichts einer rasch zunehmenden Zahl von Engpassberufen am Arbeitsmarkt entwickelt sich die Fachkräfteversorgung nach und nach zu einer Wachstumsbremse für die Unternehmen. Die Arbeitskräftelücke in Deutschland bei den MINT-Berufen, also aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, liegt derzeit mit über 300.000 auf einem neuen Allzeit-Höchststand. Unter den Engpassberufen sind verschiedene MINT-Qualifikationen besonders stark vertreten. In der Softwareentwicklung, Programmierung oder in der Energietechnik bleiben Stellen inzwischen bereits rund 150 Tage unbesetzt.

Haben Sie eine Lösung für das Fachkräfteproblem?

Hier liegt eine große Aufgabe für ein zukunftsfähiges Bildungssystem, aber auch die Betriebe selbst stehen vor großen Herausforderungen für ihre betriebsinternen Qualifizierungsprozesse: Industrie 4.0 spielt zwar heute schon in der Mehrheit der befragten Unternehmen eine Rolle in der Erstausbildung wie in der Weiterbildung. Aber neue Bedienoptionen und mobile Geräte kommen immer stärker in der betrieblichen Wirklichkeit an und dringen bis in die Produktion vor. Neue Web-Tools, Apps und mobile Geräte wie Smartphones oder Tablets verschränken die produktionstechnologischen Kernkompetenzen mit neuen Anforderungen des Arbeitens und Entscheidens in komplex vernetzten Strukturen. Digitale Weiterbildung und Weiterbildung für die Digitalisierung werden immer stärker zu einem betrieblichen Produktivitätsfaktor.

Wie bewerten Sie die internationale Wettbewerbssituation?

Der internationale Wettbewerbsdruck nimmt zu, insbesondere von chinesischer Seite. China ahmt in Teilen das deutsche Geschäftsmodell nach, entwickelt immer mehr industrielle Kernkompetenzen und erobert nach und nach auch Technologieführerschaften. Deutschland ringt dagegen nicht nur mit Engpässen bei qualifizierten Kräften, sondern auch mit einer noch unzureichend erschlossenen digitalen Infrastruktur.

Wo kann oder wo muss die Politik helfen?

Die Bedeutung des Breitbandausbaus für den Maschinen- und Anlagenbau kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Diskrepanz zwischen der derzeitigen Situation zahlreicher weißer Flecken bei der 100Mbit-Versorgung und dem Ziel des Koalitionsvertrages, bis 2025 an die Weltspitze zu wollen, ist bemerkenswert, denn schon vom Erreichen des selbstgesteckten Ziels einer flächendeckenden 50Mbit-Versorgung bis 2018 sind wir noch ein gutes Stück entfernt. Eine weitere Digitalisierung auch in den Regionen, in denen viele „hidden champions“ ihre Basis haben, erfordert mindestens den 1 Gbit-Standard und perspektivisch den 5G-Standard. Im Gegensatz zu den bisher eher evolutionären Entwicklungsstufen im Mobilfunk ist 5G eine Revolution. Er ermöglicht geringere Latenzzeiten bei der Datenübertragung, damit wird die M2M-(Maschine zu Maschine)-Kommunikation möglich. Der rasche Ausbau der bisher niedrigen Glasfaserquote in Deutschland - ca. 1 Prozent und damit Schlusslicht in Europa - ist dringend erforderlich.