Herr Lesch, schon 2014 und 2015 haben wir Streiks gesehen. Wieso kommt die Luftfahrtbranche nicht zur Ruhe?

Die Branche hat ein strukturelles Problem. Wir haben auf der einen Seite klassische Fluglinien wie die Lufthansa, deren Strukturen weitgehend immer noch jenen entsprechen, die in Monopolzeiten ihre Gültigkeit hatten. Die Welt hat sich aber weitergedreht. Heute gibt es neue, aggressive Spieler, die den Markt aufmischen. Ich rede da von den Billigfluglinien im Stile einer Ryanair oder einer Easyjet. Sie setzen die Preise. Darauf müssen die arrivierten Fluglinien reagieren.

Die Lufthansa tut dies ja, indem Sie eine Billigtochter namens Eurowings gegründet hat…

Die Frage ist, ob die Strategie aufgeht. Die Eurowings macht es unter Umständen noch komplizierter, eine Einigung in Tarifauseinandersetzungen zu erzielen.

Wieso?

Weil man sich dadurch noch mehr Komplexität ins Haus holt. Im aktuellen Streit bei Eurowings, der ja parallel zu dem bei Lufthansa läuft, geht es vor allem darum, welche Gewerkschaft die Arbeitnehmerinteressen überhaupt vertritt. Da streiten sich Verdi mit der Flugbegleitergewerkschaft UFO. Das allein ist schon kompliziert und erst wenn das geklärt ist, kann man die Verhandlungen mit dem Arbeitgeber ernsthaft ins Auge fassen.

Und wie sieht es bei Lufthansa aus?

Bei der Konzernmutter Lufthansa gilt zwar ein Haustarifvertrag, die unterschiedlichen Berufsgruppen, also die Piloten, das Bodenpersonal und die Flugbegleiter, verhandeln aber nicht gemeinsam, sondern getrennt. In dieser Konstruktion fühlt sich eine Gruppe leicht übervorteilt. Außerdem ist der Konzerntarifvertrag der Lufthansa deutlich besser als die Vereinbarungen bei Eurowings. Neid im Konzern ist also vorprogrammiert – und damit Ärger.

Was sind die tieferen Gründe des aktuellen Streiks bei Lufthansa?

Lohnerhöhungen sind eine Sache, es geht aber vor allem darum, wie die zukünftige Konzernstruktur der Lufthansa aussehen wird. Die Lufthansa-Piloten versuchen derzeit mit allen Mitteln zu verhindern, dass die Konzern-Billigtochter Eurowings mehr Einfluss bekommt.

Was könnte die Lösung des Konflikts sein?

Gewerkschaften und Arbeitgeber müssen sich auf ganz neue Tarifstrukturen einigen. In der Luftfahrtbranche hat jede Gesellschaft ihre eigenen Haustarifverträge. Außerdem muss mit drei Gewerkschaften verhandelt werden. Da sind regelmäßige Konflikte vorprogrammiert. Alle Gesellschaften sollten einen gemeinsamen Branchentarifvertrag abschließen, wie in der Metall- und Elektro- oder in der Chemieindustrie. Dort gibt es einen Branchentarifvertrag, der einheitliche Standards festlegt. Das vereinfacht Tarifverhandlungen ungemein.

Piloten erhalten wegen Altersstaffeln in Tarifverträgen jährlich rund drei Prozent Gehalt mehr. Reicht das nicht aus?

Dieses sogenannte Senioritätsprinzip ist in der Tat überholt. Sogar der öffentliche Dienst hat entsprechende Regeln in Tarifverträgen im Jahr 2005 abgeschafft. Dass man mehr Geld bekommt, nur weil man älter ist, ist heute nicht mehr zeitgemäß.

Wie sehen Sie die Chancen einer Einigung?

Ich sehe keine schnelle Einigung. Das Klima ist vergiftet. Von einer Verhandlungskultur wie sie die Tarifauseinandersetzung in anderen Bereichen kennzeichnet, kann keine Rede sein. Bei Lufthansa sind zunächst einmal vertrauensbildende Maßnahmen nötig. Diese kann meines Erachtens nach einen Schlichter ins Spiel bringen.

Aber auch er wird einige Knackpunkt nicht lösen können…

Das stimmt. Die Parteien müssen sich zwingend bewegen. Die Gewerkschaften müssen sich dazu durchringen, gemeinsam das große Paket aufzuschnüren und über ganz neue Tarifstrukturen zu reden. Das wird dann auch darauf hinauslaufen, dass Tarifstandards absinken. Es hätte aber den Vorteil, dass konzernweit dann die gleichen Regeln gelten würden und man nicht zwei Gesellschaften mit sehr unterschiedlichen Entgeltregelungen unter einem Dach hätte. Die Lufthansa könnte den Mitarbeitern im Gegenzug mehr Mitsprache einräumen. Etwa bei der Suche nach neuen Wachstumsperspektiven oder bei Aufstiegsregelungen der Mitarbeiter. Bis beides passiert, wird es aber noch ein langer Weg sein.

Die Lufthansa fährt Milliardengewinne ein. Ist mehr Lohn nicht drin?

Die Gewinne heute, die zum Großteil auf den temporär niedrigen Spritpreisen beruhen, sind das eine. Das andere sind die Wachstumsperspektiven. Und die sind weniger klar. Der Druck im Markt wird größer und die Konkurrenz immer preisaggressiver. Das kann das Management nicht ignorieren.

Was kostet der Streik eigentlich?

Rechnet man alle vier Streiktage seit September zusammen kommt man auf Kosten für die Lufthansa von rund 100 Millionen Euro. Dieses Geld fehlt dem Konzern für Investitionen und höhere Löhne.

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