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Dominik H. Enste Quelle: INSM

Wie gerecht ist Deutschland?

Um Gerechtigkeit insgesamt erfassen zu können, muss man sich insgesamt 6 Gerechtigkeitsdimensionen anschauen: Dazu zählt die Bedarfsgerechtigkeit, die Einkommensgerechtigkeit, Leistungsgerechtigkeit, die Chancengerechtigkeit, Generationengerechtigkeit und Regelgerechtigkeit als wichtigste Elemente von Gerechtigkeit, gerade für moderne Gesellschaften. Wenn man diese Gerechtigkeitsdimensionen hat, stellt sich die Frage, wie gut sind einzelne Volkswirtschaften in einem Gerechtigkeitsranking, also in einem Gerechtigkeitsvergleich. Um das zu untersuchen haben wir möglichst viele Daten gesammelt – für insgesamt 28 OECD-Staaten, für die zahlreiche Daten verfügbar sind – und diese Daten vergleichbar gemacht, d.h. unterschiedliche Indikatoren zusammenzufassen und darüber dann einen Vergleich zu erstellen. Um diese Vergleichbarkeit herzustellen, muss man diese Indikatoren auf eine einheitliche Skala bringen. Diese haben wir von 0 bis 100 skaliert: Null ist ein Land, welches besonders ungerecht ist, und 100 ist ein Land, welches besonders gerecht ist bei den jeweiligen Indikatoren.

Wie schneidet Deutschland ab?

Wir haben diesen internationalen Vergleich mit den verschiedenen Indikatoren zusammengefasst und können über alle 6 Gerechtigkeitsdimensionen hinweg sagen, dass Deutschland im Gesamtranking auf einem sehr guten 7. Platz gelandet ist – mit anderen Worten: Deutschland schneidet in all diesen Bereichen relativ weit oben ab, liegt also immer unter den Top Ten in den meisten Gerechtigkeitsdimensionen.

Entgegen der Erwartung ist es so, dass Deutschland sogar bei der Bedarfsgerechtigkeit – also wenn es darum geht, den tatsächlich Ärmsten und Schwachen zu helfen – insgesamt auf Platz 6 der verglichenen Länder kommt. Das bedeutet, dass Deutschland denen, die besonders bedürftig sind, hilft und sie unterstützt, so dass sie nicht durch das soziale Netz fallen.

Welchen Stellenwert hat die Chancengerechtigkeit?

Der noch wichtigere zentrale Bereich für eine moderne Volkswirtschaft, eine moderne Gesellschaft ist die Frage der Chancengerechtigkeit: Wie gut sind meine Chancen tatsächlich, innerhalb einer Gesellschaft aufzusteigen. Das haben wir mit verschiedenen Indikatoren messen können. Dort liegt Deutschland bisher noch im Mittelfeld – allerdings in den letzten Jahren mit einer deutlichen steigenden Entwicklung. Das ist insbesondere dadurch begründet, dass die Jugendarbeitslosigkeit im internationalen Vergleich in Deutschland extrem gering ist und bei weniger als 8 Prozent liegt.

Welche Rolle spielt die Bildung?

Neben der Jugendarbeitslosigkeit spielt natürlich auch die Frage der Bildung eine große Rolle. Gerade wenn es um Bildungschancen geht, kann man nie früh genug beginnen. Deshalb ist die frühkindliche Bildung auch ein zentraler Indikator, den wir in unserem Chancengerechtigkeits-Index berücksichtigen – da liegt Deutschland international gesehen sehr weit oben. Insbesondere der Ausbau der Kindertagesstätten in den vergangenen Jahren, der Ausbau der Infrastruktur ist etwas, wo wir uns sehr gut aufgestellt haben. So dass Deutschland international gesehen mit 90 Punkten in diesem Ranking von 0 bis 100 sehr gut dasteht.

Ist unser Wirtschaftssystem geeignet, um Gerechtigkeit herzustellen?

Die Soziale Marktwirtschaft ist eigentlich ein sehr gut funktionierendes System, das sowohl Gerechtigkeit als auch wirtschaftlichen Erfolg miteinander kombiniert. Um das dauerhaft zu etablieren, ist es wichtig, insbesondere die Chancengerechtigkeit noch stärker in den Blick zu nehmen. Dabei gilt die ganz einfache Formel: a + b = c; also Arbeitsmarktchancen plus Bildung gleich Chancengerechtigkeit. Auf diesem Weg weiter zu investieren wird sicherlich dazu führen, dass Deutschland im internationalen Vergleich in Zukunft noch besser abschneiden kann.

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27. Oktober 2017

Kommentar von Judith Niehues „Etablierte Meinungen werden kaum hinterfragt“Arrow

„Die unteren Einkommensgruppen profitieren kaum von der guten wirtschaftlichen Lage in Deutschland“ – dieser viel zitierte Befund mag der Mehrheitsmeinung entsprechen und sie mehr und mehr stärken. Doch Plausibilitätschecks hält das alarmierende Szenario kaum stand, mahnt Judith Niehues, Leiterin der Forschungsgruppe Mikrodaten und Methodenentwicklung im IW Köln. mehr auf iwd.de

IW-Trends, 26. Oktober 2017

Judith Niehues Einkommensentwicklung, Ungleichheit und ArmutArrow

Die Ungleichheits- und Armutsdebatte nimmt in der aktuellen medialen Berichterstattung viel Raum ein. Die Datensätze und Plausibilitätstests der Studien, über die berichtet wird, sollten jedoch kritisch hinterfragt werden. mehr

Realeinkommen
Pressemitteilung, 26. Oktober 2017

Judith Niehues Realeinkommen: Auch die unteren Einkommen legen zuArrow

Es ist ein gefundenes Fressen für Schwarzmaler: Die Einkommen der ärmsten 40 Prozent der Deutschen seien seit der Wiedervereinigung real kaum gestiegen. Doch eine neue Studie des IW Köln zeigt, dass dieser Befund wenig robust ist. mehr